Autor: scoutbiene

  • Endlich Gibbons

    Am Schluss der Reise komme ich meinem neuen Lieblingstier näher.

    Gibbons sind die einzigen Menschenaffen, die sich fast nur in Baumwipfeln aufhalten. Foto: Ramon Vloon/Unsplash, alle weiteren Fotos: Scoutbiene

    Enku ist mein Favorit. Eigentlich dürfte ich das gar nicht sagen, denn das „Bonding“ mit einem Gibbon, also das Eingehen einer Beziehung, ist hier streng verboten. Die Zuneigung ist aber einseitig, also ist das wohl okay. Der zweijährige Enku beachtet mich wenig, wenn er seinem Gibbon-Alltag nachgeht, der hauptsächlich aus Spielen, Kreischen und Fressen besteht, und aus kurzen Attacken, in denen er seinen Rücken rhythmisch gegen das Gitter schlägt. Er lebt zusammen mit einem gleichaltrigen Weibchen in einem Gehege auf dem Gelände der Gibbon Conservation Society im Inland von Malaysia, bei Raub, rund zwei Fahrtstunden von der Hauptstadt Kuala Lumpur entfernt.

    Ab diesem Punkt gibt es so viel zu erzählen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Vielleicht zuerst einmal zu den Gibbons und meinem etwas absurd fanatischen Wunsch, sie zu treffen. Sie wurden eher zufällig zum Wappentier der Reise. Und der Anfang war wirklich hart.

    Ungeschminkter Alltag: Bei der Arbeit mit den Gibbons tragen wir schwarze Kleidung und außerdem Atemschutzmasken, um die Affen vor Krankheiten zu schützen.

    In meinem bisherigen Leben hatte ich nur wenige Begegnungen mit Gibbons. Am Anfang der Reise stand der Wunsch, einen Traum zu verwirklichen: Die Arbeit mit Menschenaffen. Gedacht hatte ich dabei eher an Orang-Utans.

    Gibbons waren mir ein Begriff aus einer Vorlesung während meines Bio-Studiums an der Uni Göttingen, in der ein Gibbonforscher uns seine Theorie vortrug. Danach stabilisieren die in lebenslanger Ehe lebenden Tiere ihre Beziehung durch ein Duett, das sie gemeinsam singen, während sie sich durch die Baumwipfel schwingen. Zuerst singt das Weibchen, dann das Männchen, dann wieder das Weibchen – und so weiter. Durch den gemeinsamen Gesang markieren sie ihr Revier.

    Die Theorie des Forschers war, dass ein Paar, das lange zusammenlebt, harmonischer miteinander singt – sie verpatzen seltener die Einsätze, und das, so erklärte er, stabilisiere die Paarbindung. Das erschien mir damals einleuchtend und auch irgendwie grundsätzlich von Bedeutung zu sein, über so eine Gibbonehe hinaus. Dass der Forscher im Hörsaal hin- und hersprang und den Paargesang in verteilten Rollen live vortrug, hat sicher dazu beigetragen, dass ich die Vorlesung nie wieder vergessen habe.

    Meine Bambushütte mit Blick auf den Dschungelfluss. Direkt vor meinem Fenster schwimmen manchmal wilde Otter.

    Das erste Land war China. In den chinesischen Tropen landeten Ingo und ich in einem Hostel. Nach zwei Wochen zwischen Menschenmassen hatten wir wirklich Sehnsucht nach Natur, und in Xishuangbanna, der Region Chinas, die an Myanmar, Laos und Vietnam grenzt, gibt es Dschungel. Wir fragten also an der Rezeption nach, ob man für uns einen englischsprachigen Guide organisieren könne, der uns in den Wald führt. Da ich gelesen hatte, dass es in China Gibbons gibt, fragte ich, ob wir vielleicht welche sehen oder hören könnten. Der junge Mann an der Rezeption sprach wenig Englisch. Das einzige, was er verstand, war, dass er dort zwei Europäer mit einer merkwürdigen Vorliebe für Affen vor sich hat. Er besorgte uns einen Guide, der etwas mehr Englisch sprach, und der uns anbot, uns in ein Forschungszentrum für Primaten zu bringen.

    Vor meinem inneren Auge tauchte sofort ein internationales Team von jungen, motivierten Biologen auf, die durch den chinesischen Regenwald streifen, um dort den Rufen der Gibbons zu folgen. Wir stimmten begeistert zu.

    Was wir stattdessen zu sehen bekamen, hat mich noch mehrere Wochen bis in den Schlaf verfolgt. Enge, dreckige Käfige, in denen Affen (nicht nur Gibbons) mit erloschenem Blick in ihrem eigenen Kot saßen oder gegen die Metalltüren hämmerten. Wir machten Fotos und gute Miene zum bösen Spiel und entschieden, uns später darum zu kümmern, möglichst nachdem wir das Land verlassen hatten. Die Sache mit dem chinesischen Dschungel hakten wir ab, und Ingo flog zurück nach Hause, ohne einen frei lebenden Gibbon gesehen zu haben.

    Der Bereich, in dem die Gehege der Gibbons stehen, ist vom Wohnbereich und der Futterküche durch eine Bambusbrücke getrennt.

    Die nächste Station für mich war Laos, und da gibt es die Exkursionen der „Gibbon Experience“: Man übernachtet in großen Baumhäusern mitten im Regenwald. Es gibt keine Garantie, aber häufig schwingen sich wilde Gibbongruppen in der Nähe durch die Kronen der Tropenbäume. Ich schaute also auf die Homepage und nahm Kontakt auf zur „Gibbon Experience“. Antwort: Bis Mitte März ausgebucht. Also wieder keine wilden Gibbons.

    Im Gibbon-Bereich gelten strenge Regeln, unter anderem ein Fotoverbot.

    Erfolg hatte ich dann schließlich in Thailand, als ich den Khao-Yai-Nationalpark nördlich von Bangkok besuchte. Dort hingen die Bäume voller Gibbons und für die anderen Teilnehmer der Exkursion wurde ich ziemlich schnell zur Hauptattraktion, als ich den Gibbons vor Freude quietschend im Dschungel hinterherrannte.

    In Thailand begann ich mich um ein Volunteer-Projekt zu kümmern. Es gab viele Angebote, von Schildkröten zählen in Indonesien bis hin zum Ankleben von Korallen in Thailand. Ich wählte Enkus Gastgeber: die Gibbon Conservation Society (GCS) in Malaysia, ein Projekt, das von einer echten Ausnahmefrau gegründet wurde. Mariani Ramli, genannt Bam, ist Malaysierin und war früher Wildhüterin. Heute hat sie nicht nur zwei Auffangzentren für Gibbons aufgebaut, sie kämpft auch politisch und juristisch gegen die Tierhändler im Land. Es versteht sich von selbst, dass sie viele Feinde hat.

    Wilde Gibbons brauchen Regenwald mit geschlossenem Kronendach. In der Nähe der ehemaligen Bergbausiedlung Fraser Hill hören wir bei einem Ausflug den Gesang von Siamang-Gibbons.

    Als Volontärin in das Projekt zu kommen, war nicht einfach. Bei den anderen Projekten hätte meist eine E-Mail gereicht. Bei der GCS musste ich Vordrucke ausfüllen, ein Online-Interview bestehen und ein Röntgenbild der Lunge hinschicken. Am Ende durfte ich kommen, und buchte dafür meinen Flug um, da die Mindestdauer einen Monat beträgt.

    Mariani Ramli alias Bam ist die Gründerin der Gibbon Conservation Society.

    Vor drei Wochen bin ich vom Gibbon-Team am Busbahnhof in Raub abgeholt worden. Nun habe ich also mein Hotel mit Infinity Pool in Kuala Lumpur gegen eine Bambushütte auf Stelzen mitten im Dschungel getauscht. Ich teile den Raum mit einer Projekt-Mitarbeiterin und drei bis sechs Hunden, die mit in der Hütte schlafen und jede Nacht laute Heulkonzerte veranstalten, wenn sich jemand auf dem Campgelände bewegt. Das Moskitonetz über meinem Bett schützt nicht vor dem Lärm, aber es hält die Camphunde immerhin tagsüber meist davon ab, meine Sachen gut zerkaut auf dem Gelände zu verteilen.

    Obwohl es zwei der Hunde ganz besonders auf meinen Kofferinhalt abgesehen haben, habe ich gerade sie besonders in Herz geschlossen. Der einjährige Cookie begleitet mich, wenn er gerade nichts Besseres zu tun hat, bei meinen Spaziergängen im Fluss. Seine Schwester Pancake liegt gerne in der Hütte und steckt ihren Kopf durch ein Loch in der Tür, dass sie vermutlich selbst hineingefressen hat.

    Mit-Volunteer Olly versucht sich als Gibbon-Florist. Die Bouquets werden am Nachmittag außen an die Gehege gehängt oder aufs Dach geworfen und von den Affen genüsslich zerpflückt.

    Den Arbeitsalltag im Camp habe ich unterschätzt. „Ich bin an die Tropen gewöhnt“, habe ich im Online-Interview vollmundig behauptet, aber nicht bedacht, dass es in Georgetown und Kuala Lumpur überall Klimaanlagen gab, und die einzige physische Aktivität auf den Inseln in Thailand das Anschubsen der Hängematte war. Außerdem hatte ich das Kleingedruckte nicht gelesen. Hier arbeiten die Volunteers 48 Stunden pro Woche, und das bei Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit. Halleluja.

    Die Tage starten meist um 7.30 Uhr mit dem Frühstück der Gibbons. Wir, also die beiden anderen Volunteers und ich, schneiden das am Vortag abgewogene Obst und Gemüse und verteilen es auf die Futterbehälter. Dann tragen wir die gestapelten Eimer über die schmale Bambusbrücke in den Gibbonbereich, laufen auf den Dschungelpfaden von Gehege zu Gehege und ziehen die Eimer an Seilwinden nach oben. Häufig verheddern sich die Haken im Drahtgefecht und müssen mit Stöcken wieder befreit werden, argwöhnisch überwacht von den aufs Futter wartenden Gibbons.

    Ich schnappe mir meist die Eimer von Enku und Nanek. Enku, ein Lar-Gibbon, ist kleiner als Nanek, ein Siamang. Enku zieht sich eilig zurück, sobald die körperlich überlegene Stiefschwester naht. Sie bewohnen zwei Käfige, die durch einen kleinen Drahttunnel verbunden sind. Den Fehler, beide Eimer an ein Gehege zu hängen, habe ich nur einmal gemacht.

    Hängt der Eimer am zweiten Gehege, eilt Enku durch den Tunnel und prüft mit einem schnellen Seitenblick, ob die Luft rein ist. Dann greift er durchs Gitter, kippt den Eimer leicht an, späht hinein und wühlt mit langen Fingern nach den süßesten Leckerbissen: saftigen Annanasstücken, Papaya oder Mango. Hat er einen besonders guten Brocken erwischt, zieht er sich damit in eine Ecke zurück und nagt das Fruchtfleisch bis zur Schale ab. Sicher, man darf die Gibbons nicht vermenschlichen, aber Freude am Essen scheint doch etwas Universelles zu sein.

    Die Badestelle im Dschungelfluss.

    Nach der Fütterung reinigen wir die Käfige. Die Gehege stehen auf Pfeilern, und ich entwickle den Ehrgeiz, mit dem Rechen so weit wie möglich unter den Gitterboden zu kommen, dabei immer auf der Hut vor den geschickten Händen der Gibbons. Meine Challenge ist Gibbondame Ada, die als schwierig gilt, mich aber bisher in ihrer Nähe duldet. Sie folgt mir und schaut mich aus ihren tiefen dunklen Augen an, wenn ich unter ihrem Gehege harke. Letzte Woche bin ich ihr dabei ein kleines Stück zu nahe gekommen – und zack, hatte sie meine Brille in der Hand. Hochzufrieden saß sie mit ihrer Beute in der Käfigmitte und probierte, was man mit einer 6-Dioptrien-Sehhilfe so alles anstellen kann.

    Später laufen wir mit Macheten tiefer in den Dschungel und ernten Blätter und Blüten, bereiten die zweite Mahlzeit der Gibbons vor, basteln Spielzeuge oder versorgen die zwölf Camphunde. Abends bin ich müde und verschwitzt und so erschöpft wie vielleicht niemals zuvor in meinem Leben.

    Das letzte Tagesziel ist das Bad im stark strömenden Dschungelfluss, der im Gegensatz zur Dusche wirklich kühl ist. Oft werde ich von Cookie und Pancake begleitet, die entweder mit mir schwimmen gehen, oder meine am Ufer abgelegten Sachen klauen. Manchmal schaffen sie auch beides.

    Zu unseren Aufgaben gehört es, zwei Mal täglich das Futter zuzubereiten. Am Nachmittag bekommen die Gibbons außerdem ein sogenanntes „Enrichment“, eine Unterhaltungsaufgabe, bei der sie versteckte Leckereien in Blättern oder Bambusspielzeugen finden müssen.

    Alle paar Tage frage ich mich, ob das ein Traum ist: Vor wenigen Monaten war ich noch Chefredakteurin einer Imker-Fachzeitschrift, und nun stehe ich hier mit beschlagener Brille in den Tropen, harke Gibbonkot und überlege, mit welchen Fragen ich die vielbeschäftigte Bam am Abend löchern möchte.

    Bam erzählt gerne, wenn sie etwas Zeit findet: Vom ersten Gibbonbaby, das ihr die Wildtierbehörde mit dem Auftrag übergab, es großzuziehen. Wie sie eine enge Bindung zu dem Tier entwickelte, es aber starb. Wie sie ihre erste Rettungsstation aufbaute und sich dabei mit ihrem früheren Arbeitgeber überwarf.

    Ein absolutes Highlight: Seit der dritten Woche dürfen wir Verhaltensbeobachtungen machen. Die Daten helfen bei der Einschätzung, wann Gibbons bereit zur Auswilderung sind.

    Fast alle Tiere, die hier leben, sind Opfer von Tierhändlern oder Wilderei. Enku wurde von einem Onlinehändler als Baby an eine Privatperson verkauft, die ihn als Haustier gehalten hat. Dass er heute noch manchmal rhythmisch den Rücken an die Wand schlägt, ist eine Folge seiner traurigen Vergangenheit. Viele der Gibbons zeigen solche Auffälligkeiten – sie wiegen sich hin und her, masturbieren oder rupfen sich die Haare aus, und, bei aller Sehnsucht nach menschlicher Aufmerksamkeit, kommt man ihnen zu nahe, können die ehemaligen Haustiere gefährlich beißen. Bam zeigt uns manchmal mahnend ihre Narben.

    Was aus Enkus Eltern geworden ist, weiß niemand. Oft wird die gesamte Familie getötet, die versucht, das Kind zu schützen. Dann werden die winzigen Babies wie Ware verschickt, zu ihren neuen Wohnstätten in Apartmenthäusern in Kuala Lumpur, Singapur oder Moskau. Wenn sie die Reise nicht überleben (was laut Bam oft geschieht) liefert der Händler Ersatz.

    Nachtwanderung im Dschungelfluss mit Cris, die das Gibbon-Center leitet. Sie will uns nachtaktive Schlangen zeigen (ja, auch giftige). Wir finden aber nur Spinnen und schlafende Schmetterlinge..

    Jetzt gerade ist Enku seine traurige Vergangenheit nicht anzumerken. Er turnt durch seine geräumiges Zwei-Zimmer-Wohnung, ausgestattet mit Schaukeln, Ästen und Rückzugsräumen, und wirkt etwas gestresst von seiner Mitbewohnerin. In der Natur wären die beiden Zweijährigen gerade abgestillt und würden noch lange Zeit bei ihrer Familie leben. Hier haben sie immerhin einander.

    Ich bleibe kurz stehen und beobachte die Jungtiere, wie sie sich über Decke, Boden und Äste durch das Gehege jagen. Dann lasse ich den leeren Futtereimer an der quietschenden Seilwinde nach unten, stapele ihn auf die Eimer der anderen Gibbons und gehe zurück in die Campküche. Artenschutz ist recht viel Alltag, denke ich, während ich in an der Spüle stehe und die Futtereimer abwasche.

    Hundert Meter entfernt, nur durch einen Bach, eine Bambusbrücke und ein paar Tropenbäume von mir getrennt, sitzen die Gibbons. Plötzlich beginnt einer von ihnen zu singen, und die anderen stimmen ein. Ich halte kurz ein beim Abwaschen, lausche den Tieren, und freue mich über das Schicksal, das mich genau hierhergebracht hat, zu den singenden Affen im Dschungel bei Raub.

  • Allein in Laos

    Silke und ihre Luxuswoche: Privathotel am Nam Ou

    Laos ist ein vielfältiges Land. Unzählige Sprachen, ethnische Gruppen, Dörfer, Städte, Flüsse. Regenwald. Das Mekongdelta. Französische Kolonialgeschichte. Insofern ist das, was ich mit Laos verbinde, recht eingeschränkt: Das Nam Ou Riverside Ressort, rund 30 Kilometer außerhalb von Luang Prabang, und außerdem ein paar Gedanken über Projektionen in Richtung „arm, aber glücklich“, inspiriert durch das Dorf, das an das Ressort grenzte. Und weitere zu Plastikmüll. Aber eins nach dem anderen.

    Das Land hat etwa acht Millionen Einwohner – also grob gerechnet zwei Mal Berlin – die über 80 eigenständige Sprachen sprechen, Dialekte nicht mitgerechnet. 49 ethnische Gruppen sind im Land offiziell anerkannt. Was für ein Babel. Schaut man es auf der Karte an, sieht es ein bisschen aus wie ein Komet – so wie der Stern von Bethlehem auf Kinderzeichnungen. Es grenzt mit der Sternseite an China, Myanmar, Thailand und Vietnam, der Schweif wird im Süden von Kambodscha begrenzt.

    China ist der „big brother“: Der große Nachbarstaat fördert und dominiert das wirtschaftlich schwache Binnenland. China baut Straßen, Schienennetze und liefert Kooperationen – die mit Verpflichtungen einhergehen.

    Der Bahnhof in der Grenzstadt Boten: Eine Kooperation mit China. Fotos: Scoutbiene

    Mit einem diesem Kooperationsprojekte bin ich Anfang Januar 2026 ins Land gekommen. Nach der Fußpassage durch den Zoll, in dem ein streng schauender Beamter mein Visum kontrolliert und den Stempel in den Pass gesetzt hat, bin ich in den Zug gestiegen, der Laos durchquert, von Boten an der chinesischen Grenze bis in die Hauptstadt Vientiane, die an Thailand grenzt. Ich bin auf halber Strecke ausgestiegen, in Luang Prabang, einer Stadt am Mekong, die aufgrund ihrer gut erhaltenen französischen Kolonialbauten unter dem Schutz der UNESCO steht.

    Nachtmarkt in Luang Prabang.

    Was mir zuerst ins Auge fiel, waren allerdings nicht die Tempel und die französischen Balkone, sondern haufenweise westliche Touristen. In den Straßen von Luang Prabang erklingt Deutsch, Italienisch, Englisch, Spanisch – und relativ häufig auch Französisch. Die alten Kolonialverbindungen haben sich als beliebtes Reiseziel manifestiert. Noch auffälliger ist das in der Hauptstadt Vientiane: Dort umrundet man eine verkleinerte Version des Arc de Triomphe und passiert Straßenshops, die Baguette anbieten. In den Restaurants bekommt man französischen Rotwein.

    Paris en miniature: Ein kleiner Arc de Triomphe steht in Vientiane. Er heißt Patuxai und wurde gebaut, um die Opfer des Unabhängigkeitskampfes zu würdigen.

    Aber zurück nach Luang Prabang. Nachdem wir in China als Westler Exotenstatus hatten, war es ein kleiner Schock, in ein solches Touristenmekka zu geraten. Ich habe versucht, Luang Prabang zu mögen. Wirklich. Und es hätte es verdient, mit seinen kleinen Caféstuben am Mekong, den Tempelanlagen und den Nachtmärkten. Aber irgendwie haben wir nicht zueinander gefunden. Nach drei Nächten in einem mittelprächtigen Hostel habe ich auf der Karte bei Booking.com herumgescrollt und mehr oder weniger willkürlich ein Hotel gebucht, das an einem Zufluss des Mekong lag, dem Nam-Ou, rund 30 km nördlich von Luang Prabang.

    Um dorthinzukommen, brauchte ich ein Taxi. Die Verhandlung mit dem Taxifahrer zog sich über mindestens eine Stunde, in deren Verlauf sowohl er als auch ich mehrfach erschöpft abbrachen. Ich ging zwischenzeitlich in mein Hotel zurück, kam wieder, sah, dass er immer noch mit seinen Kollegen auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf Kunden wartete, und er wurde von seinen Mit-Taxifahrern nach vorne geschubst und musste unter deren aktiver Beteiligung weiterverhandeln. Irgendwann gaben wir beide auf, und er fuhr mich für einen Preis, den ich zu hoch und er zu niedrig fand, über die von Schlaglöchern übersäte Straße zu dem Hotel.

    Der Hauptdarsteller des Ressorts: Nam Ou, ein Nebenfluss des Mekong.

    Das Nam-Ou-Riverside-Ressort war Liebe auf den ersten Blick. Eine große, wunderschöne Anlage direkt am Fluss, in der – und das fand ich am Anfang wirklich unheimlich – außer mir keine Gästen waren. Nur das hochzufrieden und entspannt wirkende Hotelteam ging dort seinen Aktivitäten nach. Täglich konnte man die Angestellten dabei beobachten, wie sie die unbesetzten Zimmer entstaubten, die Wege fegten, auf denen außer ihnen niemand ging, und den Pool reinigten, in dem kein Gast schwamm. Abends saßen sie zufrieden an einem kleinen Feuerplatz oder vor ihrem Bungalow.

    Da sonst keine anderen Gäste da waren, gab man mir statt des gebuchten Zimmers einen Bungalow direkt am Fluss. Ein großzügiger Raum mit hoher Decke, Wänden aus tiefrotem Holz, und einem Boden, der direkt in eine riesige Veranda überging, vom Wohnraum abgetrennt durch eine große Front aus Glastüren. Und vor diesen Fenstern als riesiges, raumfüllendes Panorama: Der Fluss.

    Eindrücke aus dem Nam-Ou-Riverside-Ressort. Eine schönere Unterkunft hatte ich nie.

    Auf dieser zugegeben etwas Kolonialcharme ausstrahlenden Veranda habe ich eine knappe Woche verbracht, unterbrochen von Wanderungen am Nam-Ou, durch das Dorf und von Abendessen im Restaurant der Anlage, wieder als einziger Gast. Als am fünften Tag eine Gruppe Schweden auftauchte, die, eingestaubt von einer Motorradtour, einen Kaffee trinken wollte, fühlte ich mich fast ein bisschen wie Robinson Crusoe, der plötzlich auf weitere Schiffbrüchige trifft.

    Nun zum angrenzenden Dorf. Auf den ersten Blick wirkte es durch die offenen Shops, die Straßenhunde, die Kochstellen vor den Häusern und die staubigen Wege auf mich sehr arm. Auf den Spaziergängen schaute ich genauer hin, und stellte fest, dass viele Häuser massiv gebaut waren, schwere Türen mit Holzornamenten hatten, und auch mehrere Autos im Dorf parkten (Scooter sind ohnehin omnipräsent, schon die Schulkinder fahren damit). Da ich die lokale Sprache nicht sprach und aufgrund schlechter Netzabdeckung die Übersetzungsprogramme nicht funktionierten, konnte ich nicht herausfinden, was die Menschen im Dorf tatsächlich machen. Sichtbar war, dass gerade die jungen Mädchen früh eingebunden werden. Die Shops wurden teilweise von älteren Kindern betrieben, und die Apothekerin, bei der ich im etwas größeren Nachbarort ein Hustenmittel kaufte, war schätzungsweise 15 Jahre alt.

    Was auf mich sehr harmonisch wirkte, zu den besagten Projektionen zu einem „armen, aber glücklichen Leben in Gemeinschaft“ führte und mich fast ein wenig neidisch machte, war das sichtbare, fröhliche Familienleben. Männer, die vor den Häusern gemeinsam an Booten bauen, Frauen, die in Gruppen um die Kochstellen sitzen und lachen, Kinder, die giggelnd auf den Straßen herumrennen, Gruppen von Dörflern, die gemeinsam den Fluss nach essbarem Wasserpflanzen durchkämmen, Fische fangen und sich waschen. Und ja, ich weiß, dass das alles Projektionen sind.

    Rechnet man es per Kopf, ist Laos das am stärksten bombardierte Land der Welt. Laut Schätzungen sind seit dem Ende der Bombardierungen im Vietnamkrieg bis heute mehr als 55.000 Menschen durch Blindgänger getötet oder verletzt worden.

    Laos zählt zu den ärmsten Ländern Südostasiens, die ländliche Bevölkerung lebt zu einem großen Teil von einfacher Landwirtschaft, Gelder fließen in die Familien häufig von einzelnen Kindern, die zum Arbeiten ins Ausland gehen. Die Familien bieten tatsächlich Schutz und Stabilität und bestimmt auch Glück – solange niemand ernsthaft krank wird und die Brotverdiener ihre Jobs behalten. Dazu kommt, dass Laos im Vietnamkrieg von den USA massiv bombardiert wurde, obwohl das Land offiziell neutral war (der Ho-Chi-Minh-Pfad führte hindurch). In den 1960er- und 1970er-Jahren fielen mehr als zwei Millionen Tonnen Bomben, von denen viele als Blindgänger bis heute im Boden liegen und immer wieder zu katastrophalen Unfällen führen.

    Mein netter Helfer und seine Kollegin: Sie arbeiten im Auftrag der WHO für eine NGO in Laos, die sich um Eigentumsrechte kümmert.

    Ganz zum Schluss gab es noch eine sehr nette und sehr spannende Begegnung mit einem äußerst hilfsbereiten jungen Mann, der häufiger tagsüber in der Anlage war und den ich für einen Mitarbeiter des Hotels gehalten hatte.

    Er hatte mitbekommen, dass ich ein Zugticket von Luang Prabang nach Vientiane buchen wollte, von wo der Nachtzug nach Bangkok startete, und mich gewarnt, dass der Zug nach Vientiane oft ausgebucht sei. Als ich am Abend vor der Abfahrt tatsächlich ohne Ticket dastand (ich hatte über eine Onlineagentur gebucht, die die Buchung am Abend vor der Fahrt stornierte), kam er noch einmal zurück ins Hotel und half mir, über seinen Account einen Restplatz zu bekommen.

    Danach erzählte er, dass er mit seinem Team für eine laotische Organisation arbeitet, die im Auftrag der WHO durch die ländlichen Regionen reist und die Dorfbewohner darüber aufklärt, wie sie Grundbucheinträge für ihre Häuser und Gärten bekommen. Viele leben dort über Generationen einfach so – es hat ihnen und ihren Vorfahren immer gehört, und ihnen ist nicht bewusst, dass es Investoren geben kann, die andere Fakten schaffen.

    Meine Vermieterin und ihr Partner, die mich mit zum Bahnhof in Luang Prabang nahmen (auf dem Weg zum Tierarzt).

    Nach diesem aufregenden Abend verabschiedete ich mich am nächsten Tag von den netten Menschen im Hotel und den Dorfhunden und stieg in den Zug nach Vientiane. Dort stand ich am Abend auf der Dachterrasse des Hotels, trank französischen Wein und konnte über den dunklen Mekong hinweg bereits die Lichter in Thailand funkeln sehen – der nächsten Etappe meiner Reise.

    Die Dachterrasse des Hotels in Vientiane.

    Nachtrag: Im Hotel lag ein Prospekt herum, durch den ich erfuhr, was ich alles verpasst habe in Laos. Eine ganze Menge. Am liebsten besucht hätte ich übrigens die „Gibbon experience“, Baumhäuser im Dschungel, die häufig von frei lebenden Gibbons umschwungen werden. Die Tour war ausgebucht.

  • Kein Platz in den Hütten

    Kein Platz in den Hütten

    Thailand ist für Frühbucher – und Kenner von Moskitonetzen.

    In Bangkok habe ich meine Schwester getroffen, die mich jetzt 14 Tage lang begleitet. Nun sind wir auf der Insel Koh Chang in der Adamanensee gelandet. Genau genommen ist es die zweite Insel und die dritte Hütte, denn – Überraschung! – wir waren nicht die einzigen, die die Idee hatten, eine solche Insel zu besuchen. Offenbar gab es außer uns aber nur wenige, die ihre Traumhütte nicht schon Monate im Voraus gebucht hatten. Das führte zu wildem Hüttenwechsel, fünf Nächte hier, zwei Nächte dort, Inselwechsel, noch einmal drei Nächte an einem weiteren Ort.

    Am Long Beach auf Koh Phayam lebten zwei junge Rüden unter einem Baum. Sie freuten sich über Snacks und spielten im Ozean. Fotos: Scoutbiene

    Station 1 war das Ressort „Green Beach Hut“ auf der Schwesterinsel Koh Phayam. Dort erhielt ich eine eindrückliche Lektion in Sachen Moskitonetze. Naiverweise hatte ich gedacht, Moskitonetze seien dazu da, um Moskitos abzuhalten. Die Lektion ging so: Wir hatten ein wunderschönes Häuschen bekommen, in der ersten Reihe ganz vorne am Strand. Obwohl es Insektengitter an den Fenstern hatte, befestigten wir zusätzlich unsere Netze an der Decke. Die einfachen Bastwände hatten kleine Lücken, und auch unter der Tür gab es einen Schlitz. Als mein Netz halbwegs sicher hing, ließ ich es locker über mein Bett fallen und machte es mir gemütlich.

    Mitten in der Nacht wachte ich von einem komischen Gefühl auf: einem leichten Kitzeln auf der Haut, das sich vom Rücken in Richtung Schulter bewegte. Es war absolut finster. Also blieb ich erst einmal stocksteif liegen und hoffte, dass ich mir dieses Gefühl nur eingebildet hatte. Wie als Antwort setzte das Kitzeln wieder ein, es wanderte in Richtung Kopf. In diesem Moment katapultierte ich mich mit einem beherzten Sprung aus dem Bett, schüttelte mich, griff nach der Taschenlampe und leuchtete mit klopfendem Herzen das Bett ab. Es war nichts zu sehen. Nach zehn Minuten hatte sich mein Puls beruhigt, also habe ich das Bett noch einmal inspiziert und bin irgendwann wieder schlafen gegangen.

    Am Morgen saß hinter meinem Rucksack, der neben dem Bett an der Wand lehnte, eine Jagdspinne von wirklich beachtlichem Ausmaß – kleiner als eine Tarantel, aber deutlich größer als unsere heimischen Wolfsspinnen. Ich bin mit sehr uncoolem Gekreisch aus der Hütte gerannt und habe es meiner Schwester überlassen, Hilfe zu holen. Ao, ein junger Mann aus Myanmar, hat das Tier mit einem Handtuch gefangen und gelobt, sie lebendig im Wald auszusetzen.

    Der Mangrovenstrand in der Buffalo Bay auf Koh Phayam.

    Unterkunft Nr. 2 lag am anderen Ende von Koh Phayam, in der sogenannten Buffalo Bay, an einem Mangrovenstrand, der sich von einer Schlicklandschaft am Nachmittag in eine nächtliche Zauberwelt verwandelte, einen vom Vollmond beschienenen Wasserwald, so hell, dass sogar Vögel am Strand umherliefen und Krabben am Ufer nach Nahrung suchten. Das war magisch.

    In dieser Hütte gab es nur niedliche Kröten, keine Spinnen.

    Nun sind wir auf Koh Chang, in Hütte Nr. 3. Von der Terrasse aus können wir jeden Abend beobachten, wie die Sonne mit immer wieder neuem, prachtvollen Farbenspiel über dem Ozean untergeht, begleitet vom Konzert der Zikaden.

    Eine Spinne gibt es auch hier, aber sie ist vergleichsweise klein. Ich stopfe jeden Abend das Moskitonetz sorgfältig unter der Matratze fest und winke ihr freundlich zu, bevor ich einschlafe.


    Die erste Hütte am Long Beach auf Koh Phayam. Sie lag wunderschön direkt am Strand.

  • One night to Bangkok

    One night to Bangkok

    Per Nachtzug in die Hauptstadt

    Gestern war Abenteuer. Die Aufgabe war es, vom Hotel in der laotischen Hauptstadt Vientiane zum Bahnhof im thailändischen Nong Khai zu gelangen. Aus Gründen, die mir hinterher nicht mehr klar waren, hatte ich den Nachtzug ab dort gebucht, und nicht, wie es sonst alle anderen machen, direkt ab Vientiane.

    Vientiane liegt direkt an der Grenze zu Thailand, und von der Terrasse meines Hotels aus konnte ich bereits auf die thailändische Seite hinübersehen. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass es auch einfach ist, dorthinzukommen. Am Tag der Abfahrt plante ich also genügend Zeit ein. Das war gut, denn der Taxifahrer brachte mich zum Fernbahnhof in Vientiane, und der liegt weit außerhalb der Stadt. Er war kaum davon zu überzeugen, dass ich direkt an der Grenze abgesetzt werden möchte, um zum Bahnhof von Nong Khai zu kommen, ganz einfach, weil das offenbar noch nie jemand gewollt hatte.

    Blick von der Mekong-Uferpromenade in Vientiane nach Nong Khai in Thailand. Fotos: Scoutbiene

    Nong Khai verhält sich zu Vientiane ein bisschen wie Słubice zu Frankfurt/Oder – eine Stadt, zwei Länder, getrennt durch den Mekong, verbunden durch die „Brücke der Freundschaft“. Auf laotischer Seite checkt man aus dem Land aus, besteigt einen Bus, der über die recht rumpelige Freundschaftsbrücke hoppelt und passiert am anderen Ufer die thailändische Grenze. Dann sucht man sich ein Tuktuk zum Bahnhof. Klingt ganz einfach, war aber aufregend. Klappt alles? Komme ich raus aus dem Land, rein ins nächste? Ist der komische Voucher, den ich für den Zug bekommen habe, tatsächlich gültig?

    Nachdem mich der Taxifahrer an der Grenze abgesetzt hatte, war es fast beleidigend einfach. Kurze Warteschlange an der laotischen Grenze – Ausreisestempel (dafür muss man bezahlen), Rumpelbrücke im Shuttlebus, dann Einchecken bei einem gelangweilten Grenzbeamten in Thailand.

    Am Bahnhof: Keine Kofferscans, keine Bestechungsgelder für die Mitnahme des Taschenmessers, wie es mir in Luang Prabang passiert war. Sie wollten nicht einmal den Reisepass sehen.

    Der Speisewagen im Nachtzug von Laos nach Thailand.

    Dann zuckelte der Zug durch die Nacht. Ich trank noch ein Dosenbier im mit Glitzerschmuck und Plastikblumen dekorierten Speisewagen und ging dann in mein Zwei-Bett-Abteil.

    Um kurz nach 5 kamen wir am noch nachtschweren Bahnhof von Bangkok an. Kurze Orientierung, dann fuhr ich zusammen mit müden Pendlern in der ersten S-Bahn ins Stadtzentrum und wartete dort zwischen den Töpfen und Pfannen der aufgeräumten Garküchen darauf, dass mein Hotel öffnete.

    Liegewagen im Zweite-Klasse-Abteil – sieht eigentlich ganz gemütlich aus, so eine Schlafhöhle.

  • Das Tor zu den Tropen

    Das Tor zu den Tropen

    Jinghong liegt am Mekong. Hier geht es ums Essen.

    Da ist er. Ingo und ich halten den Atem an und spähen durch die Palmen. Zwischen den Blättern kann man ihn fließen sehen, grünblau, stark strömend. Und breit, sehr breit: der Mekong, in China Lacang genannt. Dieser Fluss hatte für mich immer eine Verheißung von Ferne, und jetzt an seinem Ufer zu stehen, fühlt sich tatsächlich besonders an.

    Am Abend vorher sind Ingo und ich mit dem Schnellzug angekommen, haben uns von einem Didi zur Jungendherberge bringen lassen (13 Euro für ein Zweibettzimmer) und uns auf die Suche nach Abendessen gemacht. Aber davon gleich mehr. Jetzt, am Vormittag des nächsten Tages, sind wir durch ein paar enge Gassen gelaufen, den winkenden Armbewegungen einer Gruppe chinesischer Männer gefolgt und tatsächlich an der breiten Uferpromenade gelandet, die in der Tropenstadt Jinghong am Mekong (bzw. Lacang) entlangführt. Begeistert sehen wir den Anwohnern zu, wie sie den maximalen Erlebniswert aus ihrem Fluss herausholen. Trotz Schildern, die vor der starken Strömung warnen, tauchen sie eifrig im Wasser umher, vermutlich auf der Suche nach essbaren Tieren. Oder sonnen sich auf einem Betonsteg, der weit in den Mekong hineinragt und regelmäßig überflutet wird.

    Die Strandpromenade von Jinghong bei Tag und bei Nacht. Unser erster Blick auf den Mekong. Unten: Drei mutige junge Männer, kurz nachdem sie alle anderen vom Steg geschickt haben und kurz bevor ein Boot vorbeifährt. Fotos: Scoutbiene

    Tagsüber sieht man Menschen, die Thai-Chi üben oder einfach spazieren gehen, am Abend wird diese Promenade zum Showroom: Über riesige Boxen wird das Umfeld mit Karaoke beschallt, Tänzerinnen und Tänzer proben zu selbst mitgebrachter Musik, etwas weiter flussaufwärts trifft sich die Hunde-Community und lässt ihre Vierbeiner miteinander toben.

    Aber nun zum Essen. „Wo gibt es hier noch etwas zum Abendessen?“, fragen wir den Mann an der Rezeption. Er schickt uns über die Straße. Dort reihen sich kleine Lokale aneinander, die alle das Gleiche anbieten, sogenanntes „Chinese Barbecue“. In großen Auslagen sind Holzspieße ausgestellt, auf den alles steckt, was nur irgendwie essbar ist. Darunter sind sehr leckere Sachen wie Bohnen, Kohl, Kartoffeln und Pilze, und für Nicht-Vegetarier auch einiges, was den westlichen Gewohnheiten entspricht. Geht es ums Fleisch essen, gehen die Auffassungen darüber, was essbar ist und was nicht, doch etwas auseinander. In den Auslagen ruhen neben den üblichen Hühnerfüßen auch Gehirne, Gedärme, Dinge, die wir nicht einordnen können und dann Reptilien- oder Vogelfüße, die eindeutig zu groß sind für Hühner und auch nicht die richtige Farbe haben. Ich hoffe, dass es eine größere Laufvogelart aus menschlicher Haltung war – Wildfänge aus dem nahe gelegenen Dschungel sind hier durchaus ein Thema.

    Oben: Ingo beschaut das Angebot an Spießen. Unten (v.l.): Schweinehirn und vermutlich Darm, Ingo wählt aus, mittig auf grüner Schale: Hühnerfüße. Unten: Köchin in einer Frühstücksgarküche. Dort gab es Nudelsuppe.

    Getoppt wird die Exotik am nächsten Abend auf dem Nachtmarkt, der sich über eine lange Strecke durch die Stadt und am Fluss entlangzieht. Hier reiht sich Garküche an Garküche, und neben dem Chinese Barbecue bekommt man auch frittierte Spinnen und Insekten.

    Spinnen und Skorpione, kross frittiert. Wir können nur die gegrillten Zikaden beurteilen. Die waren nicht schlecht.

    Das Essen auf Stöckchen ist hier tatsächlich die herausragende Art des Dinners. Tagsüber sieht man in vielen Seitengassen Menschen, die schwatzend zusammensitzen und Hunderte dieser Spieße vorbereiten. Frittierte Spinnen sind aber auch für die Locals eher eine Mutprobe. Viele junge Chinesinnen fotografieren die Tiere, und ein Mann, der eine verzehrt, wird dabei von seiner Partnerin gefilmt.

    Was uns an Jinghong noch gefällt: Die tropischen Alleen mit Elefantenstatuen, die Tempel und – das fällt uns hier zum ersten Mal auf – Ampeln, die die Zeit bis zur nächsten Grünphase anzeigen. Eine geniale Idee. Man schaut einmal hin, sieht „Ah, noch 87 Sekunden, bis es grün wird“, und entspannt sich. Springt die Ampel um, bleiben die Schwärme der Elektroroller und E-Autos stehen, und die Fußgänger strömen über die Straße.

    Wenn sie es erstmal zum Haushund geschafft haben, geht es vielen sehr gut. Dieser hat offenbar auch einen Hundefrisör.

    Was ich lieber nicht gesehen hätte: Die Straße, in der Haustiere verkauft werden. Das fällt unter die Kategorie „Dinge, die ich niemals wissen wollte.“

    Und ganz zum Schluss noch ein Bild aus der Skyline von Jonghing und dazu die (gerne interaktive) Frage: Wer baut so etwas? Und warum? Oh Mann.

  • Im Land der schnellen Züge

    Im Land der schnellen Züge

    Chinas Bahnhöfe und die Kunst der Inszenierung

    Zum ersten Mal einen Bahnhof in China zu betreten, hat etwas Einschüchterndes. Gleich am Anfang stehen riesige Kofferscanner, in denen die Gepäckstücke durchleuchtet werden. Alle Reisenden müssen sich ausweisen oder anderweitig als zugangsberechtigt legitimieren (bei Inlandsreisenden soll das per Gesichtsscann gehen). Dann tritt man – wie bei uns in Flughäfen – durch einen Metalldetektor und wird von einer Sicherheitsbeamtin abgetastet und gescannt, während das X-Ray-Gerät nebenan deine Koffer am anderen Ende wieder ausspuckt.

    Ein Schnellzug in Chengdu. Alle Fotos: Scoutbiene

    Grundsätzlich gilt: Wer kein gültiges Zugticket hat (und das wird nur anhand des Personalausweises ausgelesen), kommt gar nicht rein. Ist diese Hürde überwunden, steht man in einer riesigen Halle, und die sah bei den meisten Bahnhöfen, die wir kennengelernt haben, relativ gleich aus. Riesengroß, hohes Deckengewölbe, große Fensterfronten, in der Mitte Hunderte Sitzplätze für Wartende, an den Seiten jeweils Aufgänge zu Shops, Restaurants und Raucherräumen – in China wird vergleichsweise viel geraucht.

    Unten gibt es dann noch ein paar Snackstände, an denen man Wasser, Chips, Softdrinks und kross gebratene Hühnerfüße bekommt – was man halt so braucht vor einer Zugfahrt.

    Knusprige Hühnerfüße gefällig? Das Angebot hängt unter der Leuchtreklame, untere Reihe, das vierte von links.

    Das eigentliche Spektakel beginnt etwa 30 Minuten vor Abfahrt des Zuges. Anders als in Deutschland läuft man nicht einfach zum Gleis und lungert dann auf dem Bahnsteig herum, den Blick auf die Verspätungsmeldungen gerichtet (so etwas gibt es in China schon mal gar nicht – Verspätungsmeldungen). Stattdessen nehmen die Reisenden Aufstellung vor dem Gate, das für ihren Zug an großen Tafeln angezeigt wird. Es sind lange Schlangen, die sich dort – ordentlich aufgereiht – bilden, getrennt nach Inländern und denen, die mit dem Ausweis einchecken müssen. Etwa 25 Minuten vor Abfahrt des Zuges erscheint das uniformierte Personal, positioniert sich an den Einlassschaltern und öffnet die Gates. Nun strömen die Passagiere in vier bis fünf parallel eincheckenden Schlangen hindurch. Bei uns Ausländern wird wieder der Ausweis eingescannt, und wenn das passende Zugticket mit unserer Passnummer verknüpft ist, leuchtet ein grünes Licht. Hinter dem Checkin sind mobile Absperrgitter aufgestellt, die den Menschenstrom aufs richtige Gleis leiten. Es ist also nicht möglich, versehentlich in den falschen Zug zu steigen.

    Die Gates beim Einchecken in den Zug. Im Zug selbst erfolgen keine weiteren Kontrollen. Die Züge fahren bis zu 350 km/h.

    Die Züge sind sehr lang, bis zu 450 Meter, und fairerweise (zumindest für eine als sozialistisch bezeichnete Staatsform) müssen die Passagiere der ersten Klasse am weitesten laufen, da sich die Erste-Klasse-Waggons ganz vorne befinden. Die Wagennummern und Einstiegspositionen für die jeweiligen Plätze im Abteil sind auf dem Bahnsteig aufgemalt. Ist der Zug noch nicht da, stellen sich die Reisenden vor dem Einstieg zu ihrem Wagen wieder in einer Reihe auf. Die gelbe Linie, die es bei uns auch gibt, und die den Sicherheitsabstand zu einfahrenden Zügen anzeigt, wird ganz unbedingt nicht übertreten. Wir haben es einmal probiert, es hat sofortige Maßregelung zur Folge. An jedem Waggonabschnitt stehen häufig noch eine Bahnbeamtin oder ein Bahnbeamter, die darauf achten, dass alles geordnet abläuft. Meist haben diese Personen ein Megaphon, durch das sie fortlaufend Anweisungen rufen. Da alle fünfzig Meter so ein Mensch steht und alle Megaphone haben, ergibt das manchmal erstaunliche Klangmuster.

    Sobald der Zug da ist, steigen alle ein und suchen mehr oder weniger ungeordnet ihre Plätze, so wie bei uns auch.

    Die meisten Ecken des Landes sind mit einem Netz aus Schnellzügen verbunden, langnasigen Kreaturen, die mit über 300 km/h durch die Landschaft rauschen. Unterwegs kann man aus dem Fenster schauen, oder das Programm auf den Bildschirmen verfolgen, die in den Waggons an der Decke hängen. Da draußen oft nur Tunnelwände zu sehen sind, ist das häufig interessanter. Die Filme, die wir gesehen haben, drehten sich entweder ums Essen (und man staunt, was alles als essbar gilt. Oft dachte ich irrtümlich zuerst, die gezeigten Tiere wären für eine Naturdoku gefilmt worden), oder es geht um Hinweise für gutes Verhalten. Letzteres wird gerne im Zeichentrickformat dargestellt. Ein für mich besonders einprägsamer Spot zeigte verschiedene Möglichkeiten, in ein chinesisches Gefängnis zu gelangen. In einer Variante sah man einen Zeichentrickmann, der in einer U-Bahn einen anderen Mann zu Boden schubst. In der nächsten Sequenz sah man den Rempler weinend hinter Gittern. In einer anderen Szene beschimpfte und schubste ein Mann einen Bahnmitarbeiter beim Zug-Check-in: gleiches Ende.

    Beim Checkout aus dem Bahnhof wiederholt sich das Prozedere in etwas abgemilderter Form. Keine Gepäckkontrollen, jedoch abermaliges Vorzeigen des Ausweises. Dann strömt man mit Hunderten anderer Reisender aus dem Bahnhof heraus und ruft sich in einer speziellen Pick-up-Zone per App ein „DiDi“, was eine Mischung aus Uber und Taxi ist – wiederum nur besser organisiert.

    Ein „Didi“ ruft man per App. Es kann ein Privatwagen sein oder ein Taxi. Auf dem Handy kann man verfolgen, wie weit der Fahrer entfernt ist, was die Fahrt kosten wird, und auch während der Fahrt hat man die Route im Blick.

    Die letzte Zugfahrt in China war für mich mit dem Grenzübertritt nach Laos verbunden. Das machte die Sache noch einmal aufregender. Aber alles war – wie immer – perfekt organisiert. Ich war zu früh am Grenzbahnhof in Mohan und wurde von einer Beamtin in Empfang genommen, die mich zu einer Sitzgruppe führte und mir auf ihrer Übersetzungsapp den hübschen Satz „Sie warten an eine feste Ort und unsere Mitarbeiter Sie holen, wenn es pünktlich ist“ zeigte. So war es auch. Als der Zug mit den anderen Grenzreisenden eintraf, wurde ich angesprochen und dazugeholt, und gemeinsam formten wir wieder die schöne Gemeinschaft der Wartenden. Als die Kontrollbeamten ihre Positionen eingenommen hatten und die Tore öffneten, strömten wir synchron nach vorn: Alle gleichzeitig, ein perfekt inszeniertes Ballett der Reisenden.

    Der Bahnhof in Mohan, Südchina, ist gleichzeitig der Grenzübergang nach Laos.

  • Keine Pferde, aber Tee

    Keine Pferde, aber Tee

    Landleben ist das in Shaxi immer noch nicht. Aber etwas ruhiger.

    Shaxi liegt noch ein kleines Stück weiter in Richtung Himalaya-Hochebene. Es zählt zu Yunnan, und damit zum Süden Chinas, ist aber durch die Höhenlage ordentlich kalt. Wie kalt, wird uns in der ersten Nacht in unserem Hotel klar – einem wirklich hübschen Haus in einer Seitenstraße der Altstadt. Wir bibbern uns unter unseren Decken durch die Nacht, geben irgendwann auf und schalten die Klimaanlage auf „Heizfunktion, höchste Stufe“. Am Morgen sind es außen um die Null Grad Celsius. Es gibt Nudelsuppe zum Frühstück, natürlich draußen.

    Die Fußgängerzone in der Altstadt von Shaxi in Yunnan. Fotos: Scoutbiene

    Grundsätzlich ist es das einzige, was in dieser wirklich schönen Stadt fehlt: Innenräume. Die Restaurants sind offen gebaut, die meisten Häuser auch. Die Zimmer liegen an offenen Galerien, die Türen gehen direkt nach draußen.

    Ein wirkliches Dorf ist Shaxi nicht. Es gibt eine Altstadt mit Fußgängerzone, und auch hier reiht sich Shop an Shop, und Guides schwenken ihre Fähnchen. Friedlicher ist es trotzdem. Die Straßen sind von grünen Bäumen gesäumt, Wasser plätschert in kleinen Kanälen über Stufen, enge Seitenstraßen schnörkeln sich in die Umgebung. Abends strahlen die alten Holzhäuser in einem warmen Licht.

    Die Altstadt von Shaxi bei Nacht.

    Shaxi liegt an einem alten Handelsweg, der Tea-Horse-Route. Pferde sehen wir keine mehr, nur ein Denkmal erinnert an den alten Marktplatz, auf dem früher gehandelt wurde. Aber Tee bekommt man an jeder Ecke. Er wird hier angebaut und hochpreisig verkauft.

    Wir bleiben zwei Nächte in Shaxi, dann kapitulieren wir vor der Kälte. Ich habe mir in den Hochgeschwindigkeitszügen eine Erkältung eingefangen, und auch Ingo möchte Wärme erleben, bevor er in den Potsdamer Winter zurück muss. Also buchen wir einen Zug ins Tiefland: Nach Xishuangbanna, in die chinesischen Tropen.

    Bunte, kreative Cafés mit Dachterrasse gibt es auch. Unten: Flauschiger Hund und Blick von der Terrasse unseres Hotels.

  • Ab auf´s Land

    Ab auf´s Land

    Wir suchen die rurale Ruhe

    Das kommt unerwartet: Als wir aus dem Taxi aussteigen, weht uns ein eisiger Wind entgegen. Wir stolpern durch ein Tor, eine Treppe hinunter und direkt hinein ins nächste Touristenparadies. Laute Musik von allen Seiten, Nippesverkäufer, Streetfood, Guides, die Fähnchen schwenken und von einer Horde Inlandstouristen umlagert werden. Welcome to Dali.

    Gerechnet hatten wir mit einer entspannten, ländlich geprägten Kleinstadt am Ufer des Erhaisee, vor dem Himalaya. Blaues Wasser, dahinter schneebedeckte Gipfel, ein paar ländliche Herbergen. Erholung pur!

    Diesen Traum teilen wir ganz offensichtlich mit Tausenden von Touristen aus Shanghai, Bejing, Shenzhen und Chengdu, und so gleicht die Altstadt von Dali doch ein bisschen dem Ballermann (der Vergleich ist sicher nicht angemessen), mit Türstehern, die Rasseln schwingen, um in ihre Clubs zu locken, und der üblichen per Megaphon verstärkten Lautsprecherwerbung. Unser Hotel befindet sich im oberen Teil der Meile, dort ist etwas ruhiger, dennoch erfreuen wir uns jeden Morgen ab 9 an einer Panflötenmelodie, die sich in einer 5-Sekunden-Schleife wiederholt. Das Hotel ist wirklich schön, ein Bauwerk mit offenen Innenhof, so wie es viele Anlagen in der Region haben.

    Wir verbringen hier zwei Abende, darunter Silvester, das in China keine Bedeutung hat, aber trotzdem fröhlich, lautstark und mit viel Feuerwerk gefeiert wird. Dann geben wir den ersten Versuch zum Thema „Landleben“ auf und fahren weiter in Richtung Berge. Shaxi soll ruhiger und entspannter sein, ein kleiner Marktflecken an der tea-horse-Route.

    Wandbild, beauftragt von der Regierung. Die Infos enthalten Verhaltens-Empfehlungen an die Bevölkerung. Bild oben: Diese mit Kunstblumen geschmückten Wagen fahren auf der Promenade am Erhaisee auf und ab. Hinten steht meist ein Livemusiker. Fotos: Scoutbiene

  • Megacity Chongqing

    Megacity Chongqing

    Zwei Landeier auf einem Hochhaus

    Weder Ingo noch ich sind Großstadtmenschen. Besonders Ingo liebt, obwohl gebürtiger Berliner, das Land. Insofern war ich beeindruckt, als wir in Chengdu die nächste Etappe besprachen und er zur Frage „Megacity, wirklich? Oder doch lieber gleich aufs Land?“, sagte: „Doch, da sollten wir hin.“ Also ab nach Chongqing, dem neuen it-girl unter Chinas Metropolen.

    An dieser Stelle posieren oft Influencer für Instagram. Wir üben noch.

    Das Zentrum von Chongqing sieht auf Google Maps aus wie Manhattan. Eine langgestreckte Landzunge, umschlossen von zwei Flüssen, dem Jialing und dem Yangtze, Chinas längsten Fluss. Dazwischen: Die Manhattan-Insel, die hier Yuzhong Peninsula heißt, aber genauso vollgestellt ist mit Hochhäusern.

    In einem davon, ziemlich weit an der Spitze, hat uns Ingo ein Hotelzimmer gebucht. Um dorthin zu gelangen, muss man mehrere enge Fahrstühle benutzen, in denen den dicht gedrängt stehenden Fahrgästen auf einem kleinen Bildschirm Filme von brennenden Hochhäusern vorgespielt werden. Sollte irgendein Verhaltenstherapeut Räumlichkeiten suchen, an denen man Klaustrophobie abtrainieren möchte: Dies wäre der Ort.

    Mit dem beginnenden Abend machen wir uns auf die Suche nach spektakulären Locations. Chongqing ist eine Stadt der Nacht, und mit Einbruch der Dunkelheit setzt eine atemberaubende Transformation ein. Die Nachtmärkte erwachen zum Leben, überall sind Menschen, die Hochhäuser leuchten und glitzern.

    Die Skybridge über dem Raffles City Chonqing: Hier wollten wir hoch, fanden aber leider den Eingang zur Skybridge nicht.

    Wir versuchen auf eine der Dachterrassen zu gelangen und irren mehr als eine Stunde durch eine riesige Shoppingmall. Die Stimmung zwischen den Landeiern wird spürbar gereizter. Schließlich weichen wir auf ein bodennahes Event aus: Die hängenden Häuser von Hongyadong. Das Viertel ist ein Nachbau, das einem historischen Stadtteil nachempfunden wurde. Man klettert über schmale Treppen auf die unterschiedlichen Ebenen, schiebt sich mit Touristenströmen durch die Gassen. Aus allen Richtungen hupt und dröhnt und rasselt es, Musik tönt aus den Bars durcheinander und wird überlagert von den per Megaphon verstärkten Werberufen der Händler. Wow. Wofür geworben wird: Knusprige Schweinenasen, frittierte Kaninchenköpfe, Massagen, Drinks, Innenohrreinigung. Bei letzterer liegt ein Mensch hochzufrieden und entspannt auf einem Liegestuhl, während ihm ein anderer mit einer Sonde im Ohr bohrt. Die Reinigung wird per Kamera auf einen großen Bildschirm übertragen, vor dem weitere Menschen stehen und sich das Innenohr live auf dem Bildschirm anschauen.

    Hongyadong, die „hängenden Häuser“, sind einem alten Viertel nachempfunden. Für junge Frauen ist es sehr angesagt, sich in historischen Kostümen fotografieren zu lassen. Zur Stärkung bekommt man Hühnerfüße und frittierte Schweinenasen.

    Ganz zum Schluss landen wir dann doch noch auf einem Hochhaus. In „Susies Sky-Bar“, einer Lounge in der 76. Etage, bei Techno und Gin-Tonic.

    Am nächsten Morgen treten wir auf die Frühstücksterrasse unseres Hotels, blicken nach unten und sehen das wahre Chongqing: Auf den Dächern der Hochhäuser bieten Händler ihre Waren an, Gemüse, Früchte, Dinge des täglichen Lebens. Dazwischen die Einwohner von Chongqing, die einkaufen gehen, oben auf dem Dach, an einem ganz normalen Wochentag in ihrem ganz normalen Leben.

  • Nun also wirklich –  China.

    Nun also wirklich – China.

    Erstkontakt mit einem Land, von dem wir wenig wussten.

    Touchdown auf dem Flughafen in Chengdu. Etwa drei Stunden ist die kleine Boing durch die Luft geschaukelt, ein kurzes Nachspiel nach dem 9-Stunden-Flug von Berlin nach Peking. Es ist früher Nachmittag, als wir unsere Jacken und Taschen aus dem Gepäckfach klauben. Wir sind der Zeit entgegengeflogen, China war uns sieben Stunden voraus. Die Nacht haben wir übersprungen, auch wenn unsere reisemüden Körper das nicht so richtig glauben wollen.

    Gleich der erste Eindruck von Chengdu macht klar, worum es hier geht. Es sind Pandas. Chengdu beherbergt das Panda-Research-Center, oder, korrekt benannt, die „Chengdu Research Base of Giant Panda Breeding“. Dort leben etwa zweihundert Tiere, unter anderen auch Pit und Paule, die 2019 geborenen Zwillingssöhne der Berliner Pandas.

    In Chengdu wird man schon bei der Gepäckabholung von Pandas begrüßt. Fotos: Scoutbiene

    Die Zahl der in Freiheit insgesamt noch lebenden Pandas wird 2025 auf knapp 2.000 geschätzt. Im Vergleich zur Masse der Kunstpandas, die uns in Chengdu begegnen, ist diese Zahl verschwindend gering. Es müssen Millionen Plastik- und Plüschtiere sein. An jeder zweiten Straßenecke locken Läden mit Pandamützen, Pandastickern, Pandabildern. Die Mülleimer tragen Pandaohren, die Busse auch. Erwachsene Menschen laufen mit Pandahüten durch die Stadt. Auch auf der Mittelkonsole des Kofferbandes, von dem wir unsere Rucksäcke holen, hat jemand Plastikpandas installiert. Und im Merchandising-Bereich des Flughafens findet man natürlich auch welche, rot und weiß, in jeder Größe und Flauschigkeit.

    Rund 400 Plüschpandas – wären sie echt, wären das rund 20 Prozent des Wildtierbestandes.

    Unser Hotel hat uns einen Abholservice organisiert, und da wir neu sind in der Stadt, und wirklich müde, sind wir dankbar für das Schild mit der krakeligen Aufschrift „Wenyun Courtyard Hotel“, das uns ein schweigsamer Mann in kanariengelber Daunenjacke am Ausgang entgegenstreckt. Wir folgen ihm zügig durch Eingangshalle und Parkhaus und lassen uns auf den Rücksitz sinken, während er das Elektroauto durch den Chengduer Verkehr lenkt.

    Rund zehn Millionen Einwohner soll die Stadt haben, aber man merkt es ihr nicht an. Chengdu hat ein glitzerndes Megacity-Zentrum, das wir erst am dritten Tag entdecken, als ich eine neue Schutzhülle für mein Handy suche.

    Das Stadtzentrum von Chengdu. Keine Pandas – aber auch hier viele schwarz-weiß gekleidete Menschen. 🙂

    Davor sind wir durch grüne Parks gelaufen, haben exotischen Vögeln zugehört (Bülbüls), goldene Pagoden bewundert, auf kleinen Straßenmärkten die Auslagen bespäht, uns gefragt, weshalb die Motorroller Plüschhüllen tragen, die aussehen wie umgearbeitete Wickeldecken für Babys, – und natürlich die Pandas besucht. Woah, was für ein Event. Menschenströme, die sich durch eine riesige Anlage bewegen, mit Dutzenden, vielleicht Hunderten von Gehegen. Und in jedem sind Pandas zu sehen. Die einzige Frage, die sich vor den Gehegen stellt, ist – sind rote Pandas darin? Oder das schwarz-weiße Standardmodell? So richtig fasziniert waren wir zuerst nur von den Besucherinnen und Besuchern (sehr schick gekleideten Menschen). Als wir dann vor einem Gehege standen, in dem eine Pandamutter fachkundig Bambus verzehrte und ihre zwei Kids um sie herumtollten, waren wir doch angetan.

    Obwohl das Ganze ein riesiges Merchandising ist, hat es mir gefallen, wie stark sich die Menschen mit „ihren“ Pandas identifizieren. Angeblich nehmen die Schutzbemühungen für die frei lebenden Pandas tatsächlich zu, und solange das Interesse an Plüschpandas mit dem Einsatz für den Schutz der wild lebenden Tiere korreliert, ist es ja in Ordnung.

    Finde den Panda – sogar in der Einrichtung der U-Bahn taucht das Motiv auf. Tipp: Auf Ingos Hand achten.

    Das Tor zur Altstadt von Chengdu.

    Über Pandas gelernt habe ich übrigens auch etwas. Es sind echte Bären, die tatsächlich nur Bambus und Äpfel fressen, und somit nahrungstechnisch (für Bären) etwas auf Abwege geraten sind. Obwohl sie streng vegetarisch leben, heißt das nicht, dass sie harmlos sind. Kommt man ihnen zu nahe, oder stellt sich zwischen eine Pandamutter und ihr Kind, kann das ungut ausgehen. Es gab bereits mehrfach schwere Verletzungen, etwa im Zoo von Bejing, Todesfälle aber wohl noch nicht.

    Noch etwas haben wir in Chengdu gelernt: Ganz ohne Bargeld U-Bahn zu fahren. Man checkt sich mit seinem Handy ein, auf dem man vorher „Alipay“ installieren muss, die Allround-App für alle Bezahlvorgänge in China (neben WeChat, aber das haben wir auf dieser Reise noch umgangen). Dann steigt man ein, und staunt als Mensch aus Berlin, was moderne Technik so alles kann. In jedem Wagen wird angezeigt, in welchem Abschnitt des Zuges er sich befindet, wo er halten wird, was an den Stationen zu erwarten ist, die kommen, und noch einiges mehr.

    Zusatzinfo für Pandafreunde: Auch die Berliner Pandas sind weiter Eigentum von China. 2017 wurde der Vertrag erneuert, sie sind jetzt für 15-Jahre an den Berliner Zoo „vermietet“. Dieser zahlt jährlich rund 920.000 Euro als Leihgebühr für die beiden Tiere. Kinder bleiben im Eigentum der Chengdu Research Base bzw. des Landes China: Daher leben Pit und Paule jetzt wieder in Chengdu, und auch die neuen Kinder reisen irgendwann in das Heimatland ihrer Eltern. Pit und Paule heißen jetzt übrigens Meng Xiang und Meng Yuan. Das ist ihnen aber offensichtlich ziemlich egal.

    Links und Mitte: Turnende Pandakinder in der Chengdu Reserach Base. Rechts: Ein Panda-Babyfoto, das in der Research Base an der Wand hängt. Schon süß.

    Foto rechts/unten: Wandbild in der Chengdu Research Base of Giant Panda Breeding