Kategorie: Malaysia

  • Endlich Gibbons

    Am Schluss der Reise komme ich meinem neuen Lieblingstier näher.

    Gibbons sind die einzigen Menschenaffen, die sich fast nur in Baumwipfeln aufhalten. Foto: Ramon Vloon/Unsplash, alle weiteren Fotos: Scoutbiene

    Enku ist mein Favorit. Eigentlich dürfte ich das gar nicht sagen, denn das „Bonding“ mit einem Gibbon, also das Eingehen einer Beziehung, ist hier streng verboten. Die Zuneigung ist aber einseitig, also ist das wohl okay. Der zweijährige Enku beachtet mich wenig, wenn er seinem Gibbon-Alltag nachgeht, der hauptsächlich aus Spielen, Kreischen und Fressen besteht, und aus kurzen Attacken, in denen er seinen Rücken rhythmisch gegen das Gitter schlägt. Er lebt zusammen mit einem gleichaltrigen Weibchen in einem Gehege auf dem Gelände der Gibbon Conservation Society im Inland von Malaysia, bei Raub, rund zwei Fahrtstunden von der Hauptstadt Kuala Lumpur entfernt.

    Ab diesem Punkt gibt es so viel zu erzählen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Vielleicht zuerst einmal zu den Gibbons und meinem etwas absurd fanatischen Wunsch, sie zu treffen. Sie wurden eher zufällig zum Wappentier der Reise. Und der Anfang war wirklich hart.

    Ungeschminkter Alltag: Bei der Arbeit mit den Gibbons tragen wir schwarze Kleidung und außerdem Atemschutzmasken, um die Affen vor Krankheiten zu schützen.

    In meinem bisherigen Leben hatte ich nur wenige Begegnungen mit Gibbons. Am Anfang der Reise stand der Wunsch, einen Traum zu verwirklichen: Die Arbeit mit Menschenaffen. Gedacht hatte ich dabei eher an Orang-Utans.

    Gibbons waren mir ein Begriff aus einer Vorlesung während meines Bio-Studiums an der Uni Göttingen, in der ein Gibbonforscher uns seine Theorie vortrug. Danach stabilisieren die in lebenslanger Ehe lebenden Tiere ihre Beziehung durch ein Duett, das sie gemeinsam singen, während sie sich durch die Baumwipfel schwingen. Zuerst singt das Weibchen, dann das Männchen, dann wieder das Weibchen – und so weiter. Durch den gemeinsamen Gesang markieren sie ihr Revier.

    Die Theorie des Forschers war, dass ein Paar, das lange zusammenlebt, harmonischer miteinander singt – sie verpatzen seltener die Einsätze, und das, so erklärte er, stabilisiere die Paarbindung. Das erschien mir damals einleuchtend und auch irgendwie grundsätzlich von Bedeutung zu sein, über so eine Gibbonehe hinaus. Dass der Forscher im Hörsaal hin- und hersprang und den Paargesang in verteilten Rollen live vortrug, hat sicher dazu beigetragen, dass ich die Vorlesung nie wieder vergessen habe.

    Meine Bambushütte mit Blick auf den Dschungelfluss. Direkt vor meinem Fenster schwimmen manchmal wilde Otter.

    Das erste Land war China. In den chinesischen Tropen landeten Ingo und ich in einem Hostel. Nach zwei Wochen zwischen Menschenmassen hatten wir wirklich Sehnsucht nach Natur, und in Xishuangbanna, der Region Chinas, die an Myanmar, Laos und Vietnam grenzt, gibt es Dschungel. Wir fragten also an der Rezeption nach, ob man für uns einen englischsprachigen Guide organisieren könne, der uns in den Wald führt. Da ich gelesen hatte, dass es in China Gibbons gibt, fragte ich, ob wir vielleicht welche sehen oder hören könnten. Der junge Mann an der Rezeption sprach wenig Englisch. Das einzige, was er verstand, war, dass er dort zwei Europäer mit einer merkwürdigen Vorliebe für Affen vor sich hat. Er besorgte uns einen Guide, der etwas mehr Englisch sprach, und der uns anbot, uns in ein Forschungszentrum für Primaten zu bringen.

    Vor meinem inneren Auge tauchte sofort ein internationales Team von jungen, motivierten Biologen auf, die durch den chinesischen Regenwald streifen, um dort den Rufen der Gibbons zu folgen. Wir stimmten begeistert zu.

    Was wir stattdessen zu sehen bekamen, hat mich noch mehrere Wochen bis in den Schlaf verfolgt. Enge, dreckige Käfige, in denen Affen (nicht nur Gibbons) mit erloschenem Blick in ihrem eigenen Kot saßen oder gegen die Metalltüren hämmerten. Wir machten Fotos und gute Miene zum bösen Spiel und entschieden, uns später darum zu kümmern, möglichst nachdem wir das Land verlassen hatten. Die Sache mit dem chinesischen Dschungel hakten wir ab, und Ingo flog zurück nach Hause, ohne einen frei lebenden Gibbon gesehen zu haben.

    Der Bereich, in dem die Gehege der Gibbons stehen, ist vom Wohnbereich und der Futterküche durch eine Bambusbrücke getrennt.

    Die nächste Station für mich war Laos, und da gibt es die Exkursionen der „Gibbon Experience“: Man übernachtet in großen Baumhäusern mitten im Regenwald. Es gibt keine Garantie, aber häufig schwingen sich wilde Gibbongruppen in der Nähe durch die Kronen der Tropenbäume. Ich schaute also auf die Homepage und nahm Kontakt auf zur „Gibbon Experience“. Antwort: Bis Mitte März ausgebucht. Also wieder keine wilden Gibbons.

    Im Gibbon-Bereich gelten strenge Regeln, unter anderem ein Fotoverbot.

    Erfolg hatte ich dann schließlich in Thailand, als ich den Khao-Yai-Nationalpark nördlich von Bangkok besuchte. Dort hingen die Bäume voller Gibbons und für die anderen Teilnehmer der Exkursion wurde ich ziemlich schnell zur Hauptattraktion, als ich den Gibbons vor Freude quietschend im Dschungel hinterherrannte.

    In Thailand begann ich mich um ein Volunteer-Projekt zu kümmern. Es gab viele Angebote, von Schildkröten zählen in Indonesien bis hin zum Ankleben von Korallen in Thailand. Ich wählte Enkus Gastgeber: die Gibbon Conservation Society (GCS) in Malaysia, ein Projekt, das von einer echten Ausnahmefrau gegründet wurde. Mariani Ramli, genannt Bam, ist Malaysierin und war früher Wildhüterin. Heute hat sie nicht nur zwei Auffangzentren für Gibbons aufgebaut, sie kämpft auch politisch und juristisch gegen die Tierhändler im Land. Es versteht sich von selbst, dass sie viele Feinde hat.

    Wilde Gibbons brauchen Regenwald mit geschlossenem Kronendach. In der Nähe der ehemaligen Bergbausiedlung Fraser Hill hören wir bei einem Ausflug den Gesang von Siamang-Gibbons.

    Als Volontärin in das Projekt zu kommen, war nicht einfach. Bei den anderen Projekten hätte meist eine E-Mail gereicht. Bei der GCS musste ich Vordrucke ausfüllen, ein Online-Interview bestehen und ein Röntgenbild der Lunge hinschicken. Am Ende durfte ich kommen, und buchte dafür meinen Flug um, da die Mindestdauer einen Monat beträgt.

    Mariani Ramli alias Bam ist die Gründerin der Gibbon Conservation Society.

    Vor drei Wochen bin ich vom Gibbon-Team am Busbahnhof in Raub abgeholt worden. Nun habe ich also mein Hotel mit Infinity Pool in Kuala Lumpur gegen eine Bambushütte auf Stelzen mitten im Dschungel getauscht. Ich teile den Raum mit einer Projekt-Mitarbeiterin und drei bis sechs Hunden, die mit in der Hütte schlafen und jede Nacht laute Heulkonzerte veranstalten, wenn sich jemand auf dem Campgelände bewegt. Das Moskitonetz über meinem Bett schützt nicht vor dem Lärm, aber es hält die Camphunde immerhin tagsüber meist davon ab, meine Sachen gut zerkaut auf dem Gelände zu verteilen.

    Obwohl es zwei der Hunde ganz besonders auf meinen Kofferinhalt abgesehen haben, habe ich gerade sie besonders in Herz geschlossen. Der einjährige Cookie begleitet mich, wenn er gerade nichts Besseres zu tun hat, bei meinen Spaziergängen im Fluss. Seine Schwester Pancake liegt gerne in der Hütte und steckt ihren Kopf durch ein Loch in der Tür, dass sie vermutlich selbst hineingefressen hat.

    Mit-Volunteer Olly versucht sich als Gibbon-Florist. Die Bouquets werden am Nachmittag außen an die Gehege gehängt oder aufs Dach geworfen und von den Affen genüsslich zerpflückt.

    Den Arbeitsalltag im Camp habe ich unterschätzt. „Ich bin an die Tropen gewöhnt“, habe ich im Online-Interview vollmundig behauptet, aber nicht bedacht, dass es in Georgetown und Kuala Lumpur überall Klimaanlagen gab, und die einzige physische Aktivität auf den Inseln in Thailand das Anschubsen der Hängematte war. Außerdem hatte ich das Kleingedruckte nicht gelesen. Hier arbeiten die Volunteers 48 Stunden pro Woche, und das bei Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit. Halleluja.

    Die Tage starten meist um 7.30 Uhr mit dem Frühstück der Gibbons. Wir, also die beiden anderen Volunteers und ich, schneiden das am Vortag abgewogene Obst und Gemüse und verteilen es auf die Futterbehälter. Dann tragen wir die gestapelten Eimer über die schmale Bambusbrücke in den Gibbonbereich, laufen auf den Dschungelpfaden von Gehege zu Gehege und ziehen die Eimer an Seilwinden nach oben. Häufig verheddern sich die Haken im Drahtgefecht und müssen mit Stöcken wieder befreit werden, argwöhnisch überwacht von den aufs Futter wartenden Gibbons.

    Ich schnappe mir meist die Eimer von Enku und Nanek. Enku, ein Lar-Gibbon, ist kleiner als Nanek, ein Siamang. Enku zieht sich eilig zurück, sobald die körperlich überlegene Stiefschwester naht. Sie bewohnen zwei Käfige, die durch einen kleinen Drahttunnel verbunden sind. Den Fehler, beide Eimer an ein Gehege zu hängen, habe ich nur einmal gemacht.

    Hängt der Eimer am zweiten Gehege, eilt Enku durch den Tunnel und prüft mit einem schnellen Seitenblick, ob die Luft rein ist. Dann greift er durchs Gitter, kippt den Eimer leicht an, späht hinein und wühlt mit langen Fingern nach den süßesten Leckerbissen: saftigen Annanasstücken, Papaya oder Mango. Hat er einen besonders guten Brocken erwischt, zieht er sich damit in eine Ecke zurück und nagt das Fruchtfleisch bis zur Schale ab. Sicher, man darf die Gibbons nicht vermenschlichen, aber Freude am Essen scheint doch etwas Universelles zu sein.

    Die Badestelle im Dschungelfluss.

    Nach der Fütterung reinigen wir die Käfige. Die Gehege stehen auf Pfeilern, und ich entwickle den Ehrgeiz, mit dem Rechen so weit wie möglich unter den Gitterboden zu kommen, dabei immer auf der Hut vor den geschickten Händen der Gibbons. Meine Challenge ist Gibbondame Ada, die als schwierig gilt, mich aber bisher in ihrer Nähe duldet. Sie folgt mir und schaut mich aus ihren tiefen dunklen Augen an, wenn ich unter ihrem Gehege harke. Letzte Woche bin ich ihr dabei ein kleines Stück zu nahe gekommen – und zack, hatte sie meine Brille in der Hand. Hochzufrieden saß sie mit ihrer Beute in der Käfigmitte und probierte, was man mit einer 6-Dioptrien-Sehhilfe so alles anstellen kann.

    Später laufen wir mit Macheten tiefer in den Dschungel und ernten Blätter und Blüten, bereiten die zweite Mahlzeit der Gibbons vor, basteln Spielzeuge oder versorgen die zwölf Camphunde. Abends bin ich müde und verschwitzt und so erschöpft wie vielleicht niemals zuvor in meinem Leben.

    Das letzte Tagesziel ist das Bad im stark strömenden Dschungelfluss, der im Gegensatz zur Dusche wirklich kühl ist. Oft werde ich von Cookie und Pancake begleitet, die entweder mit mir schwimmen gehen, oder meine am Ufer abgelegten Sachen klauen. Manchmal schaffen sie auch beides.

    Zu unseren Aufgaben gehört es, zwei Mal täglich das Futter zuzubereiten. Am Nachmittag bekommen die Gibbons außerdem ein sogenanntes „Enrichment“, eine Unterhaltungsaufgabe, bei der sie versteckte Leckereien in Blättern oder Bambusspielzeugen finden müssen.

    Alle paar Tage frage ich mich, ob das ein Traum ist: Vor wenigen Monaten war ich noch Chefredakteurin einer Imker-Fachzeitschrift, und nun stehe ich hier mit beschlagener Brille in den Tropen, harke Gibbonkot und überlege, mit welchen Fragen ich die vielbeschäftigte Bam am Abend löchern möchte.

    Bam erzählt gerne, wenn sie etwas Zeit findet: Vom ersten Gibbonbaby, das ihr die Wildtierbehörde mit dem Auftrag übergab, es großzuziehen. Wie sie eine enge Bindung zu dem Tier entwickelte, es aber starb. Wie sie ihre erste Rettungsstation aufbaute und sich dabei mit ihrem früheren Arbeitgeber überwarf.

    Ein absolutes Highlight: Seit der dritten Woche dürfen wir Verhaltensbeobachtungen machen. Die Daten helfen bei der Einschätzung, wann Gibbons bereit zur Auswilderung sind.

    Fast alle Tiere, die hier leben, sind Opfer von Tierhändlern oder Wilderei. Enku wurde von einem Onlinehändler als Baby an eine Privatperson verkauft, die ihn als Haustier gehalten hat. Dass er heute noch manchmal rhythmisch den Rücken an die Wand schlägt, ist eine Folge seiner traurigen Vergangenheit. Viele der Gibbons zeigen solche Auffälligkeiten – sie wiegen sich hin und her, masturbieren oder rupfen sich die Haare aus, und, bei aller Sehnsucht nach menschlicher Aufmerksamkeit, kommt man ihnen zu nahe, können die ehemaligen Haustiere gefährlich beißen. Bam zeigt uns manchmal mahnend ihre Narben.

    Was aus Enkus Eltern geworden ist, weiß niemand. Oft wird die gesamte Familie getötet, die versucht, das Kind zu schützen. Dann werden die winzigen Babies wie Ware verschickt, zu ihren neuen Wohnstätten in Apartmenthäusern in Kuala Lumpur, Singapur oder Moskau. Wenn sie die Reise nicht überleben (was laut Bam oft geschieht) liefert der Händler Ersatz.

    Nachtwanderung im Dschungelfluss mit Cris, die das Gibbon-Center leitet. Sie will uns nachtaktive Schlangen zeigen (ja, auch giftige). Wir finden aber nur Spinnen und schlafende Schmetterlinge..

    Jetzt gerade ist Enku seine traurige Vergangenheit nicht anzumerken. Er turnt durch seine geräumiges Zwei-Zimmer-Wohnung, ausgestattet mit Schaukeln, Ästen und Rückzugsräumen, und wirkt etwas gestresst von seiner Mitbewohnerin. In der Natur wären die beiden Zweijährigen gerade abgestillt und würden noch lange Zeit bei ihrer Familie leben. Hier haben sie immerhin einander.

    Ich bleibe kurz stehen und beobachte die Jungtiere, wie sie sich über Decke, Boden und Äste durch das Gehege jagen. Dann lasse ich den leeren Futtereimer an der quietschenden Seilwinde nach unten, stapele ihn auf die Eimer der anderen Gibbons und gehe zurück in die Campküche. Artenschutz ist recht viel Alltag, denke ich, während ich in an der Spüle stehe und die Futtereimer abwasche.

    Hundert Meter entfernt, nur durch einen Bach, eine Bambusbrücke und ein paar Tropenbäume von mir getrennt, sitzen die Gibbons. Plötzlich beginnt einer von ihnen zu singen, und die anderen stimmen ein. Ich halte kurz ein beim Abwaschen, lausche den Tieren, und freue mich über das Schicksal, das mich genau hierhergebracht hat, zu den singenden Affen im Dschungel bei Raub.