Kategorie: China

  • Das Tor zu den Tropen

    Das Tor zu den Tropen

    Jinghong liegt am Mekong. Hier geht es ums Essen.

    Da ist er. Ingo und ich halten den Atem an und spähen durch die Palmen. Zwischen den Blättern kann man ihn fließen sehen, grünblau, stark strömend. Und breit, sehr breit: der Mekong, in China Lacang genannt. Dieser Fluss hatte für mich immer eine Verheißung von Ferne, und jetzt an seinem Ufer zu stehen, fühlt sich tatsächlich besonders an.

    Am Abend vorher sind Ingo und ich mit dem Schnellzug angekommen, haben uns von einem Didi zur Jungendherberge bringen lassen (13 Euro für ein Zweibettzimmer) und uns auf die Suche nach Abendessen gemacht. Aber davon gleich mehr. Jetzt, am Vormittag des nächsten Tages, sind wir durch ein paar enge Gassen gelaufen, den winkenden Armbewegungen einer Gruppe chinesischer Männer gefolgt und tatsächlich an der breiten Uferpromenade gelandet, die in der Tropenstadt Jinghong am Mekong (bzw. Lacang) entlangführt. Begeistert sehen wir den Anwohnern zu, wie sie den maximalen Erlebniswert aus ihrem Fluss herausholen. Trotz Schildern, die vor der starken Strömung warnen, tauchen sie eifrig im Wasser umher, vermutlich auf der Suche nach essbaren Tieren. Oder sonnen sich auf einem Betonsteg, der weit in den Mekong hineinragt und regelmäßig überflutet wird.

    Die Strandpromenade von Jinghong bei Tag und bei Nacht. Unser erster Blick auf den Mekong. Unten: Drei mutige junge Männer, kurz nachdem sie alle anderen vom Steg geschickt haben und kurz bevor ein Boot vorbeifährt. Fotos: Scoutbiene

    Tagsüber sieht man Menschen, die Thai-Chi üben oder einfach spazieren gehen, am Abend wird diese Promenade zum Showroom: Über riesige Boxen wird das Umfeld mit Karaoke beschallt, Tänzerinnen und Tänzer proben zu selbst mitgebrachter Musik, etwas weiter flussaufwärts trifft sich die Hunde-Community und lässt ihre Vierbeiner miteinander toben.

    Aber nun zum Essen. „Wo gibt es hier noch etwas zum Abendessen?“, fragen wir den Mann an der Rezeption. Er schickt uns über die Straße. Dort reihen sich kleine Lokale aneinander, die alle das Gleiche anbieten, sogenanntes „Chinese Barbecue“. In großen Auslagen sind Holzspieße ausgestellt, auf den alles steckt, was nur irgendwie essbar ist. Darunter sind sehr leckere Sachen wie Bohnen, Kohl, Kartoffeln und Pilze, und für Nicht-Vegetarier auch einiges, was den westlichen Gewohnheiten entspricht. Geht es ums Fleisch essen, gehen die Auffassungen darüber, was essbar ist und was nicht, doch etwas auseinander. In den Auslagen ruhen neben den üblichen Hühnerfüßen auch Gehirne, Gedärme, Dinge, die wir nicht einordnen können und dann Reptilien- oder Vogelfüße, die eindeutig zu groß sind für Hühner und auch nicht die richtige Farbe haben. Ich hoffe, dass es eine größere Laufvogelart aus menschlicher Haltung war – Wildfänge aus dem nahe gelegenen Dschungel sind hier durchaus ein Thema.

    Oben: Ingo beschaut das Angebot an Spießen. Unten (v.l.): Schweinehirn und vermutlich Darm, Ingo wählt aus, mittig auf grüner Schale: Hühnerfüße. Unten: Köchin in einer Frühstücksgarküche. Dort gab es Nudelsuppe.

    Getoppt wird die Exotik am nächsten Abend auf dem Nachtmarkt, der sich über eine lange Strecke durch die Stadt und am Fluss entlangzieht. Hier reiht sich Garküche an Garküche, und neben dem Chinese Barbecue bekommt man auch frittierte Spinnen und Insekten.

    Spinnen und Skorpione, kross frittiert. Wir können nur die gegrillten Zikaden beurteilen. Die waren nicht schlecht.

    Das Essen auf Stöckchen ist hier tatsächlich die herausragende Art des Dinners. Tagsüber sieht man in vielen Seitengassen Menschen, die schwatzend zusammensitzen und Hunderte dieser Spieße vorbereiten. Frittierte Spinnen sind aber auch für die Locals eher eine Mutprobe. Viele junge Chinesinnen fotografieren die Tiere, und ein Mann, der eine verzehrt, wird dabei von seiner Partnerin gefilmt.

    Was uns an Jinghong noch gefällt: Die tropischen Alleen mit Elefantenstatuen, die Tempel und – das fällt uns hier zum ersten Mal auf – Ampeln, die die Zeit bis zur nächsten Grünphase anzeigen. Eine geniale Idee. Man schaut einmal hin, sieht „Ah, noch 87 Sekunden, bis es grün wird“, und entspannt sich. Springt die Ampel um, bleiben die Schwärme der Elektroroller und E-Autos stehen, und die Fußgänger strömen über die Straße.

    Wenn sie es erstmal zum Haushund geschafft haben, geht es vielen sehr gut. Dieser hat offenbar auch einen Hundefrisör.

    Was ich lieber nicht gesehen hätte: Die Straße, in der Haustiere verkauft werden. Das fällt unter die Kategorie „Dinge, die ich niemals wissen wollte.“

    Und ganz zum Schluss noch ein Bild aus der Skyline von Jonghing und dazu die (gerne interaktive) Frage: Wer baut so etwas? Und warum? Oh Mann.

  • Im Land der schnellen Züge

    Im Land der schnellen Züge

    Chinas Bahnhöfe und die Kunst der Inszenierung

    Zum ersten Mal einen Bahnhof in China zu betreten, hat etwas Einschüchterndes. Gleich am Anfang stehen riesige Kofferscanner, in denen die Gepäckstücke durchleuchtet werden. Alle Reisenden müssen sich ausweisen oder anderweitig als zugangsberechtigt legitimieren (bei Inlandsreisenden soll das per Gesichtsscann gehen). Dann tritt man – wie bei uns in Flughäfen – durch einen Metalldetektor und wird von einer Sicherheitsbeamtin abgetastet und gescannt, während das X-Ray-Gerät nebenan deine Koffer am anderen Ende wieder ausspuckt.

    Ein Schnellzug in Chengdu. Alle Fotos: Scoutbiene

    Grundsätzlich gilt: Wer kein gültiges Zugticket hat (und das wird nur anhand des Personalausweises ausgelesen), kommt gar nicht rein. Ist diese Hürde überwunden, steht man in einer riesigen Halle, und die sah bei den meisten Bahnhöfen, die wir kennengelernt haben, relativ gleich aus. Riesengroß, hohes Deckengewölbe, große Fensterfronten, in der Mitte Hunderte Sitzplätze für Wartende, an den Seiten jeweils Aufgänge zu Shops, Restaurants und Raucherräumen – in China wird vergleichsweise viel geraucht.

    Unten gibt es dann noch ein paar Snackstände, an denen man Wasser, Chips, Softdrinks und kross gebratene Hühnerfüße bekommt – was man halt so braucht vor einer Zugfahrt.

    Knusprige Hühnerfüße gefällig? Das Angebot hängt unter der Leuchtreklame, untere Reihe, das vierte von links.

    Das eigentliche Spektakel beginnt etwa 30 Minuten vor Abfahrt des Zuges. Anders als in Deutschland läuft man nicht einfach zum Gleis und lungert dann auf dem Bahnsteig herum, den Blick auf die Verspätungsmeldungen gerichtet (so etwas gibt es in China schon mal gar nicht – Verspätungsmeldungen). Stattdessen nehmen die Reisenden Aufstellung vor dem Gate, das für ihren Zug an großen Tafeln angezeigt wird. Es sind lange Schlangen, die sich dort – ordentlich aufgereiht – bilden, getrennt nach Inländern und denen, die mit dem Ausweis einchecken müssen. Etwa 25 Minuten vor Abfahrt des Zuges erscheint das uniformierte Personal, positioniert sich an den Einlassschaltern und öffnet die Gates. Nun strömen die Passagiere in vier bis fünf parallel eincheckenden Schlangen hindurch. Bei uns Ausländern wird wieder der Ausweis eingescannt, und wenn das passende Zugticket mit unserer Passnummer verknüpft ist, leuchtet ein grünes Licht. Hinter dem Checkin sind mobile Absperrgitter aufgestellt, die den Menschenstrom aufs richtige Gleis leiten. Es ist also nicht möglich, versehentlich in den falschen Zug zu steigen.

    Die Gates beim Einchecken in den Zug. Im Zug selbst erfolgen keine weiteren Kontrollen. Die Züge fahren bis zu 350 km/h.

    Die Züge sind sehr lang, bis zu 450 Meter, und fairerweise (zumindest für eine als sozialistisch bezeichnete Staatsform) müssen die Passagiere der ersten Klasse am weitesten laufen, da sich die Erste-Klasse-Waggons ganz vorne befinden. Die Wagennummern und Einstiegspositionen für die jeweiligen Plätze im Abteil sind auf dem Bahnsteig aufgemalt. Ist der Zug noch nicht da, stellen sich die Reisenden vor dem Einstieg zu ihrem Wagen wieder in einer Reihe auf. Die gelbe Linie, die es bei uns auch gibt, und die den Sicherheitsabstand zu einfahrenden Zügen anzeigt, wird ganz unbedingt nicht übertreten. Wir haben es einmal probiert, es hat sofortige Maßregelung zur Folge. An jedem Waggonabschnitt stehen häufig noch eine Bahnbeamtin oder ein Bahnbeamter, die darauf achten, dass alles geordnet abläuft. Meist haben diese Personen ein Megaphon, durch das sie fortlaufend Anweisungen rufen. Da alle fünfzig Meter so ein Mensch steht und alle Megaphone haben, ergibt das manchmal erstaunliche Klangmuster.

    Sobald der Zug da ist, steigen alle ein und suchen mehr oder weniger ungeordnet ihre Plätze, so wie bei uns auch.

    Die meisten Ecken des Landes sind mit einem Netz aus Schnellzügen verbunden, langnasigen Kreaturen, die mit über 300 km/h durch die Landschaft rauschen. Unterwegs kann man aus dem Fenster schauen, oder das Programm auf den Bildschirmen verfolgen, die in den Waggons an der Decke hängen. Da draußen oft nur Tunnelwände zu sehen sind, ist das häufig interessanter. Die Filme, die wir gesehen haben, drehten sich entweder ums Essen (und man staunt, was alles als essbar gilt. Oft dachte ich irrtümlich zuerst, die gezeigten Tiere wären für eine Naturdoku gefilmt worden), oder es geht um Hinweise für gutes Verhalten. Letzteres wird gerne im Zeichentrickformat dargestellt. Ein für mich besonders einprägsamer Spot zeigte verschiedene Möglichkeiten, in ein chinesisches Gefängnis zu gelangen. In einer Variante sah man einen Zeichentrickmann, der in einer U-Bahn einen anderen Mann zu Boden schubst. In der nächsten Sequenz sah man den Rempler weinend hinter Gittern. In einer anderen Szene beschimpfte und schubste ein Mann einen Bahnmitarbeiter beim Zug-Check-in: gleiches Ende.

    Beim Checkout aus dem Bahnhof wiederholt sich das Prozedere in etwas abgemilderter Form. Keine Gepäckkontrollen, jedoch abermaliges Vorzeigen des Ausweises. Dann strömt man mit Hunderten anderer Reisender aus dem Bahnhof heraus und ruft sich in einer speziellen Pick-up-Zone per App ein „DiDi“, was eine Mischung aus Uber und Taxi ist – wiederum nur besser organisiert.

    Ein „Didi“ ruft man per App. Es kann ein Privatwagen sein oder ein Taxi. Auf dem Handy kann man verfolgen, wie weit der Fahrer entfernt ist, was die Fahrt kosten wird, und auch während der Fahrt hat man die Route im Blick.

    Die letzte Zugfahrt in China war für mich mit dem Grenzübertritt nach Laos verbunden. Das machte die Sache noch einmal aufregender. Aber alles war – wie immer – perfekt organisiert. Ich war zu früh am Grenzbahnhof in Mohan und wurde von einer Beamtin in Empfang genommen, die mich zu einer Sitzgruppe führte und mir auf ihrer Übersetzungsapp den hübschen Satz „Sie warten an eine feste Ort und unsere Mitarbeiter Sie holen, wenn es pünktlich ist“ zeigte. So war es auch. Als der Zug mit den anderen Grenzreisenden eintraf, wurde ich angesprochen und dazugeholt, und gemeinsam formten wir wieder die schöne Gemeinschaft der Wartenden. Als die Kontrollbeamten ihre Positionen eingenommen hatten und die Tore öffneten, strömten wir synchron nach vorn: Alle gleichzeitig, ein perfekt inszeniertes Ballett der Reisenden.

    Der Bahnhof in Mohan, Südchina, ist gleichzeitig der Grenzübergang nach Laos.

  • Keine Pferde, aber Tee

    Keine Pferde, aber Tee

    Landleben ist das in Shaxi immer noch nicht. Aber etwas ruhiger.

    Shaxi liegt noch ein kleines Stück weiter in Richtung Himalaya-Hochebene. Es zählt zu Yunnan, und damit zum Süden Chinas, ist aber durch die Höhenlage ordentlich kalt. Wie kalt, wird uns in der ersten Nacht in unserem Hotel klar – einem wirklich hübschen Haus in einer Seitenstraße der Altstadt. Wir bibbern uns unter unseren Decken durch die Nacht, geben irgendwann auf und schalten die Klimaanlage auf „Heizfunktion, höchste Stufe“. Am Morgen sind es außen um die Null Grad Celsius. Es gibt Nudelsuppe zum Frühstück, natürlich draußen.

    Die Fußgängerzone in der Altstadt von Shaxi in Yunnan. Fotos: Scoutbiene

    Grundsätzlich ist es das einzige, was in dieser wirklich schönen Stadt fehlt: Innenräume. Die Restaurants sind offen gebaut, die meisten Häuser auch. Die Zimmer liegen an offenen Galerien, die Türen gehen direkt nach draußen.

    Ein wirkliches Dorf ist Shaxi nicht. Es gibt eine Altstadt mit Fußgängerzone, und auch hier reiht sich Shop an Shop, und Guides schwenken ihre Fähnchen. Friedlicher ist es trotzdem. Die Straßen sind von grünen Bäumen gesäumt, Wasser plätschert in kleinen Kanälen über Stufen, enge Seitenstraßen schnörkeln sich in die Umgebung. Abends strahlen die alten Holzhäuser in einem warmen Licht.

    Die Altstadt von Shaxi bei Nacht.

    Shaxi liegt an einem alten Handelsweg, der Tea-Horse-Route. Pferde sehen wir keine mehr, nur ein Denkmal erinnert an den alten Marktplatz, auf dem früher gehandelt wurde. Aber Tee bekommt man an jeder Ecke. Er wird hier angebaut und hochpreisig verkauft.

    Wir bleiben zwei Nächte in Shaxi, dann kapitulieren wir vor der Kälte. Ich habe mir in den Hochgeschwindigkeitszügen eine Erkältung eingefangen, und auch Ingo möchte Wärme erleben, bevor er in den Potsdamer Winter zurück muss. Also buchen wir einen Zug ins Tiefland: Nach Xishuangbanna, in die chinesischen Tropen.

    Bunte, kreative Cafés mit Dachterrasse gibt es auch. Unten: Flauschiger Hund und Blick von der Terrasse unseres Hotels.

  • Ab auf´s Land

    Ab auf´s Land

    Wir suchen die rurale Ruhe

    Das kommt unerwartet: Als wir aus dem Taxi aussteigen, weht uns ein eisiger Wind entgegen. Wir stolpern durch ein Tor, eine Treppe hinunter und direkt hinein ins nächste Touristenparadies. Laute Musik von allen Seiten, Nippesverkäufer, Streetfood, Guides, die Fähnchen schwenken und von einer Horde Inlandstouristen umlagert werden. Welcome to Dali.

    Gerechnet hatten wir mit einer entspannten, ländlich geprägten Kleinstadt am Ufer des Erhaisee, vor dem Himalaya. Blaues Wasser, dahinter schneebedeckte Gipfel, ein paar ländliche Herbergen. Erholung pur!

    Diesen Traum teilen wir ganz offensichtlich mit Tausenden von Touristen aus Shanghai, Bejing, Shenzhen und Chengdu, und so gleicht die Altstadt von Dali doch ein bisschen dem Ballermann (der Vergleich ist sicher nicht angemessen), mit Türstehern, die Rasseln schwingen, um in ihre Clubs zu locken, und der üblichen per Megaphon verstärkten Lautsprecherwerbung. Unser Hotel befindet sich im oberen Teil der Meile, dort ist etwas ruhiger, dennoch erfreuen wir uns jeden Morgen ab 9 an einer Panflötenmelodie, die sich in einer 5-Sekunden-Schleife wiederholt. Das Hotel ist wirklich schön, ein Bauwerk mit offenen Innenhof, so wie es viele Anlagen in der Region haben.

    Wir verbringen hier zwei Abende, darunter Silvester, das in China keine Bedeutung hat, aber trotzdem fröhlich, lautstark und mit viel Feuerwerk gefeiert wird. Dann geben wir den ersten Versuch zum Thema „Landleben“ auf und fahren weiter in Richtung Berge. Shaxi soll ruhiger und entspannter sein, ein kleiner Marktflecken an der tea-horse-Route.

    Wandbild, beauftragt von der Regierung. Die Infos enthalten Verhaltens-Empfehlungen an die Bevölkerung. Bild oben: Diese mit Kunstblumen geschmückten Wagen fahren auf der Promenade am Erhaisee auf und ab. Hinten steht meist ein Livemusiker. Fotos: Scoutbiene

  • Megacity Chongqing

    Megacity Chongqing

    Zwei Landeier auf einem Hochhaus

    Weder Ingo noch ich sind Großstadtmenschen. Besonders Ingo liebt, obwohl gebürtiger Berliner, das Land. Insofern war ich beeindruckt, als wir in Chengdu die nächste Etappe besprachen und er zur Frage „Megacity, wirklich? Oder doch lieber gleich aufs Land?“, sagte: „Doch, da sollten wir hin.“ Also ab nach Chongqing, dem neuen it-girl unter Chinas Metropolen.

    An dieser Stelle posieren oft Influencer für Instagram. Wir üben noch.

    Das Zentrum von Chongqing sieht auf Google Maps aus wie Manhattan. Eine langgestreckte Landzunge, umschlossen von zwei Flüssen, dem Jialing und dem Yangtze, Chinas längsten Fluss. Dazwischen: Die Manhattan-Insel, die hier Yuzhong Peninsula heißt, aber genauso vollgestellt ist mit Hochhäusern.

    In einem davon, ziemlich weit an der Spitze, hat uns Ingo ein Hotelzimmer gebucht. Um dorthin zu gelangen, muss man mehrere enge Fahrstühle benutzen, in denen den dicht gedrängt stehenden Fahrgästen auf einem kleinen Bildschirm Filme von brennenden Hochhäusern vorgespielt werden. Sollte irgendein Verhaltenstherapeut Räumlichkeiten suchen, an denen man Klaustrophobie abtrainieren möchte: Dies wäre der Ort.

    Mit dem beginnenden Abend machen wir uns auf die Suche nach spektakulären Locations. Chongqing ist eine Stadt der Nacht, und mit Einbruch der Dunkelheit setzt eine atemberaubende Transformation ein. Die Nachtmärkte erwachen zum Leben, überall sind Menschen, die Hochhäuser leuchten und glitzern.

    Die Skybridge über dem Raffles City Chonqing: Hier wollten wir hoch, fanden aber leider den Eingang zur Skybridge nicht.

    Wir versuchen auf eine der Dachterrassen zu gelangen und irren mehr als eine Stunde durch eine riesige Shoppingmall. Die Stimmung zwischen den Landeiern wird spürbar gereizter. Schließlich weichen wir auf ein bodennahes Event aus: Die hängenden Häuser von Hongyadong. Das Viertel ist ein Nachbau, das einem historischen Stadtteil nachempfunden wurde. Man klettert über schmale Treppen auf die unterschiedlichen Ebenen, schiebt sich mit Touristenströmen durch die Gassen. Aus allen Richtungen hupt und dröhnt und rasselt es, Musik tönt aus den Bars durcheinander und wird überlagert von den per Megaphon verstärkten Werberufen der Händler. Wow. Wofür geworben wird: Knusprige Schweinenasen, frittierte Kaninchenköpfe, Massagen, Drinks, Innenohrreinigung. Bei letzterer liegt ein Mensch hochzufrieden und entspannt auf einem Liegestuhl, während ihm ein anderer mit einer Sonde im Ohr bohrt. Die Reinigung wird per Kamera auf einen großen Bildschirm übertragen, vor dem weitere Menschen stehen und sich das Innenohr live auf dem Bildschirm anschauen.

    Hongyadong, die „hängenden Häuser“, sind einem alten Viertel nachempfunden. Für junge Frauen ist es sehr angesagt, sich in historischen Kostümen fotografieren zu lassen. Zur Stärkung bekommt man Hühnerfüße und frittierte Schweinenasen.

    Ganz zum Schluss landen wir dann doch noch auf einem Hochhaus. In „Susies Sky-Bar“, einer Lounge in der 76. Etage, bei Techno und Gin-Tonic.

    Am nächsten Morgen treten wir auf die Frühstücksterrasse unseres Hotels, blicken nach unten und sehen das wahre Chongqing: Auf den Dächern der Hochhäuser bieten Händler ihre Waren an, Gemüse, Früchte, Dinge des täglichen Lebens. Dazwischen die Einwohner von Chongqing, die einkaufen gehen, oben auf dem Dach, an einem ganz normalen Wochentag in ihrem ganz normalen Leben.

  • Nun also wirklich –  China.

    Nun also wirklich – China.

    Erstkontakt mit einem Land, von dem wir wenig wussten.

    Touchdown auf dem Flughafen in Chengdu. Etwa drei Stunden ist die kleine Boing durch die Luft geschaukelt, ein kurzes Nachspiel nach dem 9-Stunden-Flug von Berlin nach Peking. Es ist früher Nachmittag, als wir unsere Jacken und Taschen aus dem Gepäckfach klauben. Wir sind der Zeit entgegengeflogen, China war uns sieben Stunden voraus. Die Nacht haben wir übersprungen, auch wenn unsere reisemüden Körper das nicht so richtig glauben wollen.

    Gleich der erste Eindruck von Chengdu macht klar, worum es hier geht. Es sind Pandas. Chengdu beherbergt das Panda-Research-Center, oder, korrekt benannt, die „Chengdu Research Base of Giant Panda Breeding“. Dort leben etwa zweihundert Tiere, unter anderen auch Pit und Paule, die 2019 geborenen Zwillingssöhne der Berliner Pandas.

    In Chengdu wird man schon bei der Gepäckabholung von Pandas begrüßt. Fotos: Scoutbiene

    Die Zahl der in Freiheit insgesamt noch lebenden Pandas wird 2025 auf knapp 2.000 geschätzt. Im Vergleich zur Masse der Kunstpandas, die uns in Chengdu begegnen, ist diese Zahl verschwindend gering. Es müssen Millionen Plastik- und Plüschtiere sein. An jeder zweiten Straßenecke locken Läden mit Pandamützen, Pandastickern, Pandabildern. Die Mülleimer tragen Pandaohren, die Busse auch. Erwachsene Menschen laufen mit Pandahüten durch die Stadt. Auch auf der Mittelkonsole des Kofferbandes, von dem wir unsere Rucksäcke holen, hat jemand Plastikpandas installiert. Und im Merchandising-Bereich des Flughafens findet man natürlich auch welche, rot und weiß, in jeder Größe und Flauschigkeit.

    Rund 400 Plüschpandas – wären sie echt, wären das rund 20 Prozent des Wildtierbestandes.

    Unser Hotel hat uns einen Abholservice organisiert, und da wir neu sind in der Stadt, und wirklich müde, sind wir dankbar für das Schild mit der krakeligen Aufschrift „Wenyun Courtyard Hotel“, das uns ein schweigsamer Mann in kanariengelber Daunenjacke am Ausgang entgegenstreckt. Wir folgen ihm zügig durch Eingangshalle und Parkhaus und lassen uns auf den Rücksitz sinken, während er das Elektroauto durch den Chengduer Verkehr lenkt.

    Rund zehn Millionen Einwohner soll die Stadt haben, aber man merkt es ihr nicht an. Chengdu hat ein glitzerndes Megacity-Zentrum, das wir erst am dritten Tag entdecken, als ich eine neue Schutzhülle für mein Handy suche.

    Das Stadtzentrum von Chengdu. Keine Pandas – aber auch hier viele schwarz-weiß gekleidete Menschen. 🙂

    Davor sind wir durch grüne Parks gelaufen, haben exotischen Vögeln zugehört (Bülbüls), goldene Pagoden bewundert, auf kleinen Straßenmärkten die Auslagen bespäht, uns gefragt, weshalb die Motorroller Plüschhüllen tragen, die aussehen wie umgearbeitete Wickeldecken für Babys, – und natürlich die Pandas besucht. Woah, was für ein Event. Menschenströme, die sich durch eine riesige Anlage bewegen, mit Dutzenden, vielleicht Hunderten von Gehegen. Und in jedem sind Pandas zu sehen. Die einzige Frage, die sich vor den Gehegen stellt, ist – sind rote Pandas darin? Oder das schwarz-weiße Standardmodell? So richtig fasziniert waren wir zuerst nur von den Besucherinnen und Besuchern (sehr schick gekleideten Menschen). Als wir dann vor einem Gehege standen, in dem eine Pandamutter fachkundig Bambus verzehrte und ihre zwei Kids um sie herumtollten, waren wir doch angetan.

    Obwohl das Ganze ein riesiges Merchandising ist, hat es mir gefallen, wie stark sich die Menschen mit „ihren“ Pandas identifizieren. Angeblich nehmen die Schutzbemühungen für die frei lebenden Pandas tatsächlich zu, und solange das Interesse an Plüschpandas mit dem Einsatz für den Schutz der wild lebenden Tiere korreliert, ist es ja in Ordnung.

    Finde den Panda – sogar in der Einrichtung der U-Bahn taucht das Motiv auf. Tipp: Auf Ingos Hand achten.

    Das Tor zur Altstadt von Chengdu.

    Über Pandas gelernt habe ich übrigens auch etwas. Es sind echte Bären, die tatsächlich nur Bambus und Äpfel fressen, und somit nahrungstechnisch (für Bären) etwas auf Abwege geraten sind. Obwohl sie streng vegetarisch leben, heißt das nicht, dass sie harmlos sind. Kommt man ihnen zu nahe, oder stellt sich zwischen eine Pandamutter und ihr Kind, kann das ungut ausgehen. Es gab bereits mehrfach schwere Verletzungen, etwa im Zoo von Bejing, Todesfälle aber wohl noch nicht.

    Noch etwas haben wir in Chengdu gelernt: Ganz ohne Bargeld U-Bahn zu fahren. Man checkt sich mit seinem Handy ein, auf dem man vorher „Alipay“ installieren muss, die Allround-App für alle Bezahlvorgänge in China (neben WeChat, aber das haben wir auf dieser Reise noch umgangen). Dann steigt man ein, und staunt als Mensch aus Berlin, was moderne Technik so alles kann. In jedem Wagen wird angezeigt, in welchem Abschnitt des Zuges er sich befindet, wo er halten wird, was an den Stationen zu erwarten ist, die kommen, und noch einiges mehr.

    Zusatzinfo für Pandafreunde: Auch die Berliner Pandas sind weiter Eigentum von China. 2017 wurde der Vertrag erneuert, sie sind jetzt für 15-Jahre an den Berliner Zoo „vermietet“. Dieser zahlt jährlich rund 920.000 Euro als Leihgebühr für die beiden Tiere. Kinder bleiben im Eigentum der Chengdu Research Base bzw. des Landes China: Daher leben Pit und Paule jetzt wieder in Chengdu, und auch die neuen Kinder reisen irgendwann in das Heimatland ihrer Eltern. Pit und Paule heißen jetzt übrigens Meng Xiang und Meng Yuan. Das ist ihnen aber offensichtlich ziemlich egal.

    Links und Mitte: Turnende Pandakinder in der Chengdu Reserach Base. Rechts: Ein Panda-Babyfoto, das in der Research Base an der Wand hängt. Schon süß.

    Foto rechts/unten: Wandbild in der Chengdu Research Base of Giant Panda Breeding